Kaukasus Motorrad 2012 - Rückweg

Ukraine, Absurdistan & Polen (Stand: 2018/03/22)

2.500km Ukraine & Polen

Oder die versuchte Einreise nach Absurdistan

Für den Rückweg haben wir schicke Ideen. Abchasien - die abtrünnige georgische Republik sollte Highlight unserer Tour werden - mußten wir aus Zeitmangel links liegenlassen. Nun wollen wir zumindest noch etwas Spaß haben in den Karpaten. Rumänien und Slowakei liegen vor uns. Wir freuen uns.

Aber unseren Plan haben wir ohne die Bürokraten von Absurdistan gemacht...
Tagesetappen Rückweg
- Tag 17, 28.08.12, 218km (Ukraine)
- Tag 18, 29.08.12, 470km (Ukraine)
- Tag 19, 30.08.12, 223km (Ukraine)
- Tag 20, 31.08.12, 590km (Ukraine)
- Tag 21, 01.09.12, 504km (Polen)
- Tag 22, 02.09.12, 810km (Deutschland)

Ukraine

Einreise mit Hürden

Die Russen haben wir hinter uns. Die Fähre legt an. Hier kann's nur besser werden. Daß ich in ein paar Minuten einen Sack voll ukrainischer Zöllner zusammenscheißen werde, ahnt noch keiner. Aber schön der Reihe nach...

Die Fähre leert sich. Zig Autos und eine Armee Fußgänger wollen durch den Zoll. Ein Zöllner schickt uns Moppedfahrer in eine neue Reihe gleich auf Position eins. (Es war übrigens überall Gang und gebe, daß Moppeds bevorzugt behandelt wurden und sich nicht hinten einreihen mußten - es auch nicht taten...)

Nuja - wir stehen so in der Gegend rum, freuen uns, wieviel Umgebung es hier gibt, da kommt ein in komplett schwarz gekleideter Ninja mit Basecap auf mich zu und quatscht mich auf russisch von der Seite an. Ich verstehe erst nicht richtig, dann will ich's nicht verstehen und irgendwann soll ich ihm ins Wachhäuschen folgen wo er übersetzen lassen will. Nun ist mein russisch aber besser als Hans-Wurst vermutet und ich verstehe weit mehr als ihm lieb sein kann als er seine Kollegin bittet zu übersetzen und die komplette Wachmannschaft das Schmunzeln anfängt. Die Kollegin und ich folgen ihm wieder nach draußen. Dort übersetzt sie auf englisch, was ich längst weiß: Wenn ihr jeder 5 Euro zahlt, dann dürft ihr als erstes - lange Geste - vor all den zig Autos rausfahren. Ich auf russisch: Njet. Spasiba. Nein - danke. Er fängt an rumzuhampeln. Wird laut. Ich lasse ihn stehen, um nicht gleich überzukochen.

Die Wachmannschaft kuckt grinsend durch die Scheibe. Er kotzt.
Wir stellen uns gerade darauf ein, bis zum St. Nimmerleinstag mit unseren Moppeds dort zu stehen, da taucht ein älterer Zöllner auf, drückt uns vier von fünf Pässen samt Papieren in die Hand und will wieder abrücken. Nun sind wir aber fünf...

Also ich hinterher in die Wachstube. So nicht, Mädels. Beim Reinkommen mache ich langsam. Der ältere spricht gerade mit einem anderen älteren Kollegen über die Geschichte. Froh sind sie über die Aktion des jungen Kollegen nicht und horchen auf bei meinem Eintreten. Ich will den fünften Paß. Und zwar pronto. Der zweite Kollege versteht englisch. Der erste übrigens auch. Ich pfeiffe ihnen erstmal um die Ohren, was ich von der ganzen Aktion halte. Plötzlich ja nje panimajo - ich verstehe nichts. Is ok - ihr wart die guten.

Die Pässe in der Hand - in der Hosentasche, unsichtbar - besuche ich auch das zweite Wachhäuschen nochmal. Olli hatte die Tage bei den Russen die Faxen dicke und die Idee entwickelt, die Polizisten fiktiv in die Zeitung zu bringen. Gute Idee.

Provokativ glotze ich auf alle einzelnen Namensschilder bevor ich die Mannschaft rundmache wie einen Buslenker. Daß sie hier das allererste Aushängeschild ihres Landes sind und dafür verantwortlich zeichnen, daß der Eindruck innerhalb der ersten fünf Minuten am ... ist. Und Eure Namen schreib ich mir auf... Zeitung... tralala. Und Möchtegern-Ninja kuck ich nochmal tief in die Augen und doppelt so lang auf sein Namensschild bevor ich gehe und hoffe, daß er sich wenigstens ein bißchen in die Hose macht. Laut genug war ich zumindest...

Ukraine

Weites, flaches Land - die Kornkammer Europas

Heute ausnahmsweise mal nicht Geld über Karte, sondern Wechseln. Bißken verträumt steh ich hinten in der Reihe. Naja - wart mer halt einen länger. Kann sich ja nur um Stunden handeln.

Heißa - endlich bin ich dran. Bumm. Zuffff. Fenster und Gardine zu. Ok - ihr könnt mich mal. Habe in Rußland billig vollgetankt...

Wir wollen über die schmale Arabat-Nehrung östlich der Krim nach Norden. Doch leider will das Wetter anders. Genau dort oben alles duster bis Anschlag. Also doch südlich. Schade.

Ohne lange zu Fackeln drehen wir ab. Dann halt Schwarzes Meer. Wer braucht schon das Asowsche?

Die OSM-Karten zeigen einen kleinen Feldweg gen Süden. Und siehe da: Über die irgendwie faszinierende Ebene laufen zwei Spuren kilometerweit bis ans Meer.

Leider Steilküste. Leider starker Wind. Und eine Ebene bis zum Horizont. Nichts. Aber so richtig gar nichts steht im Weg.

Wir werden aufgrund des Windes weiterfahren und südlich von Feodosiya im Regen bei einbrechender Dunkelheit unsere Zelte neben einer wilden Müllkippe aufstellen. Zusätzlich das Tarp zwischen die Moppeds und es wird doch noch ein gemütlicher Abend.
Die Ukraine hat zwar noch immer Parallelen zu Rußland. Aber sowohl Menschen als auch alles andere scheinen freundlicher. Angenehmer. Lebhafter.

Polizeikontrollen gibt es auch hier en masse. Allerdings sind es tatsächlich Verkehrs- und Geschwindigkeitskontrollen. Nicht wie bei den Russen Einschüchterungsversuche. Und hier werden Olli und Hermann auch mal mit vernünftigem Grund angehalten...

Nettes Nümmerchen am Rande: Wir halten an einer vielbefahrenen Straße zwecks Hunger vor einer Kneipe. Muddi bewirtet uns alle sehr artig. Wir freuen uns. Als es wieder losgehen soll, frage ich die Betreiberin nach tualet - der Toilette. Sie nimmt mich an die Hand, führt mich durch's Haus nach hinten öffnet die Tür. Eine ausladende Geste. Ein Lächeln. Und ich stehe auf der Wiese hinterm Haus...

Weiterführende Infos:
- Arabat-Nehrung
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Absurdistan

Oder bis Du platzt...

Heute wollen wir mal den ganzen lieben langen Tag nichts anderes als Einreisen. Ja - schlicht Einreisen. Man muß seine Ansprüche auch mal runterschrauben können. Und das geht wie folgt:

Abchasien - eines der Highlights Deiner Reise mußtest Du aus Zeitgründen knicken. Also freust Du Dich auf Rumänien, Karpaten und Slowakei. Berge. Kurven. Nette Menschen. Paßt gerade noch prima in den Zeitrahmen. Vorher nur nochmal schnell durch Moldavien. Rein. Raus. Wech. Hossa.

Aber da hast Du Deine Rechnung ohne Absurdistan - tschuldigung ... Transnistrien gemacht. Der Text bei Wikipedia sagt schon alles: "Transnistrien wird von keinem anderen Staat und keiner internationalen Organisation als souveräner Staat anerkannt und ist Mitglied der Gemeinschaft nicht anerkannter Staaten". Gut so! Die soll'n erstmal zählen lernen!

Transnistrien ist genau genommen einfach nur Moldavien. Andererseits aber auch nicht. In cirka vier Stunden werden lauter ratlose Gesichter um mich herumstehen. Moppedfahrer. Trucker. Reisebusfahrer. Aber horcht, wie's kam...

Wir wollen also mal eben schnell durch Moldavien. 200km. Aufgetankt haben wir mit unseren letzten Hrywnja in der Ukraine. Sogar Ollis Guzzi sollte das schaffen.

Als musische Umrahmung ballert direkt neben den Grenzhäuschen ein Preßlufthammer. Hütte 1 - ich kürze ab mit H1 - schickt uns zu H2. H2 zu Gebäude 3 - G3. Bei G3 keiner da. Ein Grenzer betudelt uns unverständlich. Warten. Laberrabarber. Ich denke, da will schon wieder einer Bakshisch. Doch weit gefehlt: Kollege 2 - K2 - redet auf K1 ein. K1 winkt uns zu H1 - da warn wir doch schon? H1 reicht auf einmal ein Papier raus. Ausfüllen und dann zu G3. G3 schreibt lediglich zweimal die Uhrzeit auf den Zettel und schickt uns zu H1. H1 fertigt ab.

Plötzlich taucht ein aufgebrachter Grenzer - K3 - auf. Kann denn hier keiner Englisch?!? Der Typ da - Hermann - versteht kein Wort! Ihr dürft hier nicht durch. Eure Fahrzeuge müssen registriert werden! Dort drüben bei G4. Äh? Jo - rüber zum großen Gebäude.
G4. Mäuschen - K4 - fragt: Wieviele Motorräder? 2? Ich: Fünf. Sie verdreht die Augen. Kommt raus, nimmt uns mit vor's Gebäude. Dort Moppeds nebeneinander sauber aufreihen. Ah ja. Wieder rein. Sie hinter Schalter. Wühlt. Kommt raus. Alle folgen zu G5. Dort warten wir dann ein Weilchen. Sie kommt aus der Tür. Ab zu G4. Langsam schwant mir Übles...

Tourismus-Zentrum Absurdistan
Tourismus-Zentrum Absurdistan
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Eins noch - den Rest kürz ich raus: Ich stehe seit ner Stunde in Schlange vor'm Schalter (2 Personen waren vor mir). Erster! Endlich!

Da pfeift mich auf einmal ein Grenzer - mittlerweile K7 - von der Seite an was wir hier wollen würden?! Wir sollten einpacken, und wieder in die Ukraine fahren??? What?!? Naja - hier erfahren wir schlußendlich das erste Mal, daß wir nicht so ganz wirklich - ein bißchen aber schon - nach Moldavien einreisen wollen, sondern nach Transnistrien. Für jedes Fahrzeug wird eine Straßenbenutzungsgebühr fällig (von AT 3$ - Guzzi 35$). Weiterhin Zoll auf's Fahrzeug. Zoll auf alle mitgeführten Gegenstände. Neben uns zerlegen sie einen Sprinter in Einzelteile...

Wir werden nach über vier Stunden in die Ukraine zurückkehren. Ein verzweifelter poln. Reisebusfahrer und einige andere haben es zumindest in diesem Punkt nicht so einfach wie wir... Tip: Weiträumig umfahren!

Weiterführende Infos:
- Transnistrien

Ukraine II & Polen

Interessante Abwege

Die Transnistrische Grenze hat uns über einen halben Tag gekostet. Wir werden nach Norden ausweichen und grenznah über kleine Straßen Moldavien umfahren. Allein die Tour Richtung Norden anstatt Westen wird uns mehr als einen weiteren halben Tag kosten.

Erstmal aber wird es interessant. Wir nehmen nämlich die Strecke, die ein kroat. LKW-Fahrer als Trecker-Weg bezeichnete. Und nunja - vollkommen ins Leere gegriffen hat er nicht. Mich würde es nicht wundern, würde aus dem einen oder anderen Schlagloch irgendwann ein Ziegen- oder Schafskopf auftauchen...

Wir fahren also recht spektakulär - und zügig - dem bereits begonnenen Abend entgegen. Plötzlich 2-3m weit ausscherende Ladas. LKWs, die über den rechten oder linken Fahrbahnrand hinaus ausweichen müssen. Und wir mittendurch!

Im größten der kleinen Orte werden wir anhalten. Wir werden ein einzigartiges Hotel beziehen und später nochmal eine einzigartige Bar besuchen.

Die Dame hinter der Hotelrezeption möchte uns eigentlich am liebsten verdreschen weil wir ihre Ruhe stören. Sie blafft, knurrt und schimpft. Zur Strafe werde ich sie diese Nacht gegen 1 nochmal wecken, wenn ich aus der Kneipe komm - hähä...

Das Haus - die Bude - besitzt einen Gemeinschaftswaschraum - 2 von 4 Waschbecken funktionieren nicht. Das 3. tröpfelt nach 10 Umdrehungen. Der daneben optisch vernünftig aussehende Duschraum ist tabu. Hermann wird sich für's Reinkucken anschreien lassen müssen. Und ich werde beim heimlichen Test vorwitzig die Armaturen in der Hand halten.

Klos im Nachbarraum. Eines mit eigener Tür. Zwei mit Gemeinschaftstür. Ein optimales Skat-WC also - würden noch zwei Bierkästen drin stehen.
Dusche übrigens auf dem Hof. Wasser aus Wand. Und das Loch im Boden wird offensichtlich als Ablauf und als Klo benutzt. Lecker.

Morgen früh werden wir feststellen, daß das Frühstück doch nicht wie explizit nachgefragt inkl. war. Aber vorher noch ein Erlebnis der ganz anderen Art: Wir besuchen die drei hübschen Damen, die nebenan eine Bar betreiben und vorhin schon auf Thomas BMW posiert haben. Bier schmeckt und kommt aus Flasche. Wodka auch. Gut so.

Schraube im Bett
Durch Zufall entdeckt - Schraube neben Bein

Tualet links umme Ecke. An dem dunklen Loch geh ich pauschal vorbei. Morgen früh beim Fotomachen werde ich sehen, daß ich mir ohne Licht wahrscheinlich die Hachsen gebrochen hätte. Der Fußboden ist nämlich teilweise eingebrochen. Der Rest zugesch...

Gradeaus weiter in den Garten. Und hier steh ich nun im Mondlicht. Vor einem 25m Meter Müllberg. Ich kann's nicht fassen. Die Mädels schmeißen jeden Müll aus der Bar - Flaschen, Büchsen, organische Abfälle, ... einfach direkt hinters Haus. Vorne hui & hinten pfui.
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Fanclub

Tanz Mariechen...

Der Grenzspaß hat uns eine Menge Zeit gekostet. Und Fahren in der Ukraine kann sich ziehen. Einschlafen wird man dabei freilich nicht, wenn selbst der Asphalt der größeren Straßen Wellen schlägt wie die Ostsee bei Orkanböen. Speziell beim Überholen ist ein offenes Auge gefragt.

Wir sind nicht die langsamsten auf der Straße - um es mal diplomatisch auszudrücken. Aber trotzdem in einem vernünftigen Rahmen. Haben uns auf 110 eingeschossen. Mehr ist mit Vernunft eigentlich nicht sinnvoll. Kai wird später hinter der polnischen Grenzen zum zweiten Mal seinen hinteren TKC gegen Luftverlust bearbeiten müssen. Glatter Durchschlag durch Reifen und Schlauch, der sich bei schleichendem Luftverlust wieder relativ zuquetscht.

Und nun kommt die Stunde unseres Fanclubs. Höhe Khmelnytskyi laufen wir in der Umgehung auf eine Schlange auf. Überholen kurzzeitig nicht gut möglich. Vor uns ein schwarzer Mercedes 430 ML. Glänzend. Dick.
Auf dem Beifahrersitz fängt ein Mädel hektische Bewegungen an. Zappelt herum. Sie wird gleich die Dachluke öffnen und etwas hilflos den Kopf herausstrecken. Bei einem bösen Schlachloch wieder einziehen, um kurz darauf einen neuen Versuch zu starten. Oberkörper aus dem Dach. Umdrehen. Winken. Tanzen. Rumzappeln. Herzchen... das nächste Schlagloch wird dich bremsen... da isses!

Kurz darauf ziehen wir am ML vorbei. Und das doch recht zügig.

Wie der Fahrer es macht - ich weiß es nicht. Er wird noch viele Kilometer immer wieder hinter uns auftauchen und versuchen an unseren Hintern heranzukommen. Vermutlich tanzt sie dann jedesmal in der Bude. Und reibt sich die Rübe...
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