Kaukasus Motorrad 2012 - Nordkaukasus

Per Mopped durch die Straßensperren (Stand: 2018/03/22)

Nordkaukasus

Elbrus, Minen, Polizei

Bergschönheit nordöstlich Terskol
Bergschönheit nordöstlich Terskol
Tagesetappen Nordkaukasus
(die Google Maps für Rußland stimmen überhaupt nicht! Umschalten auf Mapnik (OSM). Paßt 100%. Wegpunkte sind auf OSM gesetzt.)
- Tag 13, 24.08.12, 345km (Rußland)
- Tag 14, 25.08.12, 297km (Rußland)
- Tag 15, 26.08.12, 367km (Rußland)
- Tag 16, 27.08.12, 490km (Rußland)










Der russische Teil des Kaukasus hinterläßt bei uns einen sehr gespaltenen Eindruck. Wenige herzliche Kaukasier gegenüber einer breiten Masse distanzierter Menschen. Geld. Straßensperren. Weniger Freundlichkeit. Teils recht rücksichtsloser Verkehr.

Wir werden Russland als Polizei- und Überwachungsstaat im Gedächtnis behalten und mit sehr gemischten Gefühlen das Land verlassen...

Einreise & Behörden

Herzlich willkommen im Überwachungsstaat

Schon beim Zufahren auf die Grenze - der desolate Straßenzustand wurde bereits erwähnt - bekommen wir einen Vorgeschmack auf das, was uns erwartet. Eine kilometerlange Schlange an wartenden Autos umfahren wir nach 10 Minuten Standzeit als sich zwei dicke Volgas links vorbeidrängeln. Die kleine Portion Frechheit soll sich als glücklich erweisen. Alternativ stünden wir morgen noch...

An der Grenze geht's dann los. Nachdem wir mit mehreren Leuten geplaudert haben, die in den höchsten Tönen loben wie gut es ihnen als Soldat in der DDR ging, sind die Grenzer an der Reihe. Und hier erwächst bereits der erste Eindruck, das dort irgendwer Angst haben muß.

Kontrolle der Papiere. Soweit normal. Die Leute sind freundlich. Dann Kontrolle Fahrzeug. Kontrolle Gepäck. Nochmal Kontrolle Person. Rein ins Gebäude. Zwei identische Zettel (einen als manuelle Kopie) + einen dritten ausfüllen. Dann zur nächsten Butze und das Spielchen dann noch zweimal. Irgendwann sind wir fertig und können raus. So freundlich wie hier soll das bei der Ausreise nicht klappen...

Und damit geht unsere Behördenerfahrung erst los. Eine Erfahrung, die von Korruption, Überwachung und Bürokratie geprägt zu sein scheint.

Wie komm ich darauf? Nunja. Ganz einfach. Fangen wir vorn an.

Korruption: Noch am ersten Tag werden wir von einem Polizeiwagen angehalten werden. So richtig putzig fadenscheinig wird man Olli und Hermann erklären, daß sie im Spezial-Überholverbot für Spezial-Lastkraftwagen mit ihren Spezial-Lastkraftwagen überholt hätten. Konkret: Straße mit vier Spuren - zwei in jede Richtung. PKWs dürfen. Daß Ollis Guzzi als Lastwagen durchgeht - geschenkt. Aber Hermanns Tiger wiegt doch nur 270kg...?
500$ pro Person. Ham keine Dollar. Ok - 500 EUR. Ham mer nisch dabei. Na wieviel habter denn dabei? Final geht jeder mit 20 EUR ab.

Olli soll's morgen gleich wieder erwischen. Er hätte eine durchgezogene Linie überfahren. Naja - er hat in einem Dorf, durch das mit bis zu 80 Sachen PKWs und LKWs marschieren in einer ruhigen Minute die Straßenseite gewechselt. Mittellinie? Wo? Egal. 500$. Er wird final zahlungsfrei abgehen. Der Vorgesetzte am Telefon, der engl. spricht, wird evtl. die Reißleine gezogen haben.

Ein Tip für Nachahmer: Die Polizeiwagen haben alle eine Kamera hinter der Windschutzscheibe. Einsteigen verweigern. Verhandlung vor der Motorhaube führen. Hier wird alles aufgezeichnet und hier fallen auch nicht zufällig ein paar Scheinchen in den Fußraum...

Polizeiwagen werden wir an jeder Ecke sehen. Jeder Ortsein- oder -ausgang. Jeder Kreisverkehr. Jede Tankstelle.

Hinzu kommen Straßensperren mit Videoüberwachung, Militärkontrollen und alle paar Kilometer Straßen-Kontrollpunkte. Man kann sich faktisch nur offroad bewegen ohne zwangsläufig eine Kontrolle zu passieren.

Die massive Militär- und Polizeipräsenz wird nachlassen sobald wir den Nordkaukasus hinter uns lassen. Alle paar km Checkpoints werden jedoch ein unausweichlicher Begleiter bleiben.

Uns vermittelt sich der Eindruck, daß hier alles kontrolliert und überwacht wird. Extreme Präsenz der Staatsgewalt an allen Ecken und Enden. Irgendjemand muß doch hier Angst haben bei dem gewaltigen Aufgebot. Und die korrupte Polizei wird das erste Mal auf dieser bereits tausende km langen Reise zu einem echten Feindbild.

Menschen

Herzliche Inseln versus Distanz

Wir sind in Vladikavkaz. Kai will in eine Bank, um für alle Geld zu tauschen. Mit meiner Visa-Karte habe ich wie immer zügig Geld am Automaten bekommen. Nicht so Kai.

Wir stehen in einer Bank. Von außen total still. Innen voll mit Menschenschlangen. Eine Stunde? Zwei?

Vor einer Bank in Vladikavkaz
Vor einer Bank in Vladikavkaz

Draußen vergnügt sich derweil die Restmannschaft mit einem Kaukasier aus dem Laden vor dem wir die Moppeds abgestellt haben und seinen Kollegen. Die Jungens sind hellauf begeistert über unsere Moppeds und die Reise. Superherzlich. Schwatzen. Staunen.
Auf einmal fällt ihm auf, daß Moppedfahren doch bestimmt hungrig macht. Sagt's, verschwindet und taucht mit einer Flasche Premium-Wodka und einem Arm voll leckerster Piroggen wieder auf.

Damit sollen sich die herausragend positiven zwischenmenschlichen Erlebnisse im Nordkaukasus jedoch fast erschöpft haben.

Die Menschen sind hier zurückhaltender. Irgendwie gedrückter. Hier werden auch Kinder nur sehr zaghaft und zurückhaltend den Moppeds hinterherkucken.

Wahrscheinlich wird es schlicht unserer Zeitknappheit geschuldet sein, daß wir hier nicht mehr Menschen an der Basis kennenlernen konnten. Bei einem kurzen Halt - verspätete Mittagspause gerade vorbei - fährt ein Transporter in die Hauseinfahrt direkt hinter uns. Es hupt als wir gerade wieder loswollen. Im Gesicht des Fahrers ehrliche Freude und Begeisterung. Er gestikuliert ob wir mit reinkommen und was Essen wollen.

Die anderen sind schon gestartet. Mit bleibt nur traurig die Schultern zu zucken, zu lächeln, zu winken und dann auch Gas zu geben. So rauscht man an einer Kultur vorbei...

Menschen II

Russe versus Kaukasier

Mir schmeckt es eigentlich gar nicht, in dieser Hinsicht Unterschiede zu machen. Aber sie waren so offensichtlich. So unübersehbar.

Die wenigen Kaukasier, die wir hier näher trafen, waren etwas distanzierter als in Georgien. Nichtsdestotrotz freundlich und herzlich, bescheiden und zuvorkommend.

Offensichtlich russische Leute dagegen - um Gottes Willen möchte ich nicht pauschalisieren! - schienen anders aufzutreten.

Herausgeputzt. Zur Schau tragend. Laute Musik. Wenn möglich dicke Autos. Ein gewisser Grad Rücksichtslosigkeit. Unangepaßtheit.
Vielleicht sind meinen Augen nur unheimlich viele Nuancen und Eindrücke entgangen. Pauschalisieren darf man nie. Der Eindruck jedoch hatte sich eingestellt: Hier wird mit zweierlei Maß gemessen. Man verzeihe mir bitte, sollte ich damit jemandem Unrecht tun.

Gegenbeispiel: Die russ. Muddi in Kittelschürze trat natürlich nicht so laut auf. Aber auch hier eine zur Schau getragene Distanz. Überzeuge mich, daß Du mir nichts schlechtes willst und ich werde freundlich. Georgische Offenherzigkeit - weit gefehlt.
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Elbrus, Terskol, Tyrnyauz

Spielen in der Schottergrube

Den Elbrus haken wir relativ schnell ab. Die in der Karte eingezeichnete direkte Verbindungsstrecke von Terskol nach Dombay fällt aus. Zu steil der Hang oberhalb Terskol. Zu groß die Steine. Zu Klickerdiklick die angekündigten Handschellen im Georgien-nahen Grenzgebiet.

Aber ein Taxifahrer samt all seiner Kollegen und x Wanderkarten versucht mir mit Händen und Füßen zu erklären, daß wir es von Tyrnyauz aus probieren sollen. Von dort führt eine Serpentinenstrecke in die Berge. Traumhafter Blick von einem Plateau Richtung vielleicht 20km entfernten Elbrus. Und eine interessante Verbindungsstrecke direkt nach Dombay. Nur 60 anstelle weit über 200km - schwärmt er.

Bis auf Thomas sehen die anderen später das nicht so. Aber ich glaube, dafür als Dankeschön eine von meinen zwei Bierflaschen georgischen Tschatschas zu opfern war es wert.

Was wir nicht wußten... Tyrnyauz galt als eine der weltgrößten Molybdän- und Wolframerzmienen. Und vor Tendenz zwanzig Jahren werden wohl auch noch riesige Minenkipper die unzähligen Serpentinen an den Hängen der Berge befahren haben.

Wir - ahnungslos wie wir sind - kommen an einen riesengroßen Abenteuerspielplatz namens hoher Berg mit vielen hochinteressanten Industrieruinen. Gute 4km hoffen wir hinauf zu fahren, um dann oben vom Plateau einen Bombenblick auf den Elbrus zu erhaschen. Naja...

Nach gut 14km und scheinbar nicht der Hälfte des Hochweges eine erste Bilanz: Ollis hinterer TKC sieht aus wie ein schweizer Käse - allerdings mit Schnitten anstelle Löchern. Hermann und Kai sind auch wenig begeistert.

Thomas und ich wollen weiter. Wo wir doch schonmal so weit gekommen sind.
Linker oder rechter Weg? Der wie geisteskrank einen halben GAS-Jeep die Berge hochprügelnde Fahrer meinte wohl rechts. GPS sagt links.

Tja... links... Das ist definitiv der Weg, der seit 20 Jahren nicht mehr genutzt wurde. Und hier ist er gut. Nur Unmengen scharfkantiger Steine. Wenige Erdrutsche. Umdrehen - ach, was soll's. Kai, Thomas und ich marschieren weiter. Jetzt werden sich auch die K60 nicht mehr gegenüber den TKCs ins Fäustchen lachen.

Kai ist voraus. Ich habe auf Thomas gewartet. Nichtdestotrotz - Kai sitzt auf einem Felsen und gestikuliert wild. Thomas ist abgesegelt. Und das halbe Tal hat Aufschlag, Hupe und Motorgeheul mitbekommen. Außer mir.

Aber ich bin trotzdem zuerst da und werde die GS wieder auf die Beine hieven. Kurz danach taucht Hermann in Boxershort und Moppedstiefeln auf. Er ist die Böschung hochgekraxelt. Rückweg runter? Njet.

Von hier aus sieht man auch, daß der rechte Weg korrekt gewesen wäre. Ich werde ihn versuchen und muß trotzdem gute 100 Höhenmeter später aufgeben, da Erdrutsche und Bäume auf den ehemaligen Wegen selbige unpassierbar machen.

Hätten wir mehr Zeit - ich wär hochgewandert! So ein dermaßen toller Spielplatz! Elbrusblick in Tendenz 3.000m Höhe. Hochinteressante Ruinen. Dort nochmal 2-3 Tage Zeit und mit leichterer Bude spielen gehen! Unglaublich!

Tyrnyauz wurde übrigens 2001 durch ein Mure - eine Schutt- & Matschlawine - teilweise bis in den 4. Stock verschüttet. Opferzahlen? Russisch. Unbekannt.

Weiterführende Infos:
- Elbrus [1], [2]
- Tyrnyauz [1], [2], [3]
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Dombay & Ausreise

Nicht der Rede wert

Unsere Abkürzung via Tyrnyauz ging offensichtlich in die Hose. Wir wollten ursprünglich eigentlich auch nur Elbrus-Kucken...

Da der Spaß uns einen guten halben Tag kostete, werden wir auf unserem Weg Richtung Dombay heute nur noch bis Kislovodsk kommen.

Soviel seie gleich vorweggenommen: Dombay war die Kilometer NICHT wert. Die Fotos im Internet spiegelten die Realität in keinster Weise wieder. Dombay ist ein Touri-Ort par excellence. Werbung. Buntibunti. Kinder & Erwachsene pfeiffen auf Miet-Quads durch den Ort. Gut - die Quads mit abgerissenen Lenkern waren schon putzig. Ein Vorderrad fährt gradeaus. Eines zeitgleich in den Wald...

Wie dem auch sei: Auf dem Weg müssen wir in Kislovodsk halt machen. Nach langer Suche - alle Hotels belegt - machen wir einen Glückstreffer. Das Gostevoj Dom Blagodat ist nicht nur mit Abstand das besteingerichtete Haus auf der gesamten Tour bei kleinem Preis. Es beschäftigt auch noch den besten Koch der Stadt...

Wir werden morgen auf dem Weg gen Dombay über einen Paß fahren. Von dort auf eine grüne Wiese berghoch. Und bekommen ein traumhaftes Elbrus-Kaukasus-Panorama.

Achja: Olli läßt sich auch nochmal von der Polizei bespaßen. Muß ja auch mal sein.

Danach treten wir an sich bereits final den Rückzug Richtung Krim an.
Am Asowschen Meer wird Hermann den Frischwasser-Bierkühler ins Leben rufen. Wir werden die Campingplatz-Schaschlik-Meister bespaßen und schlußendlich treffen wir im Hafen Kavkaz wieder einmal die Behörden.

Die Ausreise beginnt wie gewohnt. Papiere. Zettel bepinseln. Da ist ein Wort durchgestrichen - Zettel komplett neu schreiben. Hermann hat auch ne Zeile falsch gemacht. Berichtigen zwecklos. In Schönschrift das gesamte Pamphlet neu.

Und dann geht's los. Vor der Fähre kommt endlich wieder türkische Zöllner-Mentalität zum Tragen. Keine Faxen. Feuer frei!

Wir werden zerlegt. Unsere Gepäckstücke werden zerlegt. Und das Sahnehäubchen kommt in Form einer profilierungssüchtigen, jungen Dame in blond, die PKWs als auch unsere Moppeds - unsere MOPPEDS! - von unten abspiegelt. Olli hat die Guzzi untenrum nicht geputzt. Das wird ihm bei dem Mäuschen gleich Strafpunkte einbringen. Wenn sie könnte, sie würde die Zähne fletschen und brummen. Übrigens - wenn Dummheit brummen könnte...

Keine Sorge - wir kommen nicht nochmal. Selbst Hermann und Thomas, die nächstes Jahr mal gen Mongolei wollten, sind vorerst satt. Wir alle haben die Faxen dicke, überall von der Polizei gegängelt und überwacht zu werden. Und eine ähnliche Freundlichkeit wie hier bekomm mer auch daheim. Do swidania.

Georgien dagegen sieht mich mit Sicherheit nochmal wieder...
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