Georgien per Motorrad - Abano-Paß, Omalo

Ein Feuerwerk der Eindrücke, Menschen, Berge, Landschaft

Georgien

Eindrücke, Herzlichkeit & freundliches Interesse

Twin vor Wehrtürmen in Upper Omalo

Tagesetappen Georgien
- Tag 8, 19.08.12, 295km (Georgien)
- Tag 9, 20.08.12, 327km (Georgien)
- Tag 10, 21.08.12, 59km (Georgien)
- Tag 11, 22.08.12, 66km (Georgien)
- Tag 12, 23.08.12, 227km (Georgien)












Georgien war im Nachhinein betrachtet das absolute Highlight dieser Tour. Gern hätten wir alle im Rückblick Nordkaukasus und Ukraine getauscht gegen eine weitere Woche Georgien.

Extrem herzliche, hilfsbereite Menschen machten den hauptsächlichen Unterschied. Grundlegend war Georgien für uns aber einfach eine unglaubliche Fülle von Eindrücken. Egal ob Mensch, Natur oder Fahrbahn. Ein unglaubliches Land!

Menschen

Unglaubliche Herzlichkeit, Bescheidenheit & Hilfsbereitschaft

Egal, wo wir gehen, stehen und fahren - die Menschen werden uns mit ihrer Herzlichkeit immer wieder überraschen. Überall hupt es im Vorbeifahren, Leute grüßen aus den Autos, Kinder stehen zuhauf am Straßenrand und winken uns hinterher.

Die neue Färbung meines Schaffells ist nicht nur übermütigen Staub- und Modderfahrten geschuldet. Viele Kinderbeine krabbeln auf das große Motorrad oder werden nach sehnsüchtigem Blick von mir hinaufgehoben.

Selbst in absoluter Dunkelheit, im strömenden Gewitterregen, möchten drei Taxifahrer, die uns durch Ninotsminda zu einer versteckten Herberge geleiten, noch ein Erinnerungsfoto. Klitschnaß, mit Stirnlampe beleuchtet posieren sie für Fotos mit dem Handy auf meiner tropfenden Twin und bedanken sich überschwenglich.

Beispiel Ia, Batumi
Unsere erst Nacht. Wir irren im Regen durch das Verkehrschaos von Batumi. Pitschnaß vor einem Hotel stehend - in Batumi alle sehr teuer - hält ein PKW im Regen neben mir. Ein älterer türk. Herr steigt aus und fragt, ob er helfen kann. Mit Händen & Füßen berichtet er von seinen Freunden in Gojo. Sie würden für 10 Lari (5 EUR) die Nacht einfache Zimmer vermieten.

Entgegen seiner eigenen Richtung fährt er 10km zurück, um uns den Weg zu zeigen. Nach wilder Jagd durchs tropfende, dunkle Verkehrschaos stehen wir in der Dunkelheit vor den Hausherren. Fünf dunkle, große, tropfende, schmutzige Gestalten. Wir werden sofort freundlich empfangen. In aller Eile richtet man zwei Zimmer her. Es wird trotz der späten Stunde noch ein Abendessen gezaubert.

Georgien - Junge auf Motorrad
Kleiner Mann - großes Motorrad


Am nächsten Morgen gibt es Frühstück. Der Herr des Hauses - ein Doktor wie sich herausstellt - verarztet auch noch meinen mittlerweile nach Bienen- oder Hornissenstich Blasen schlagenden rechten Unterschenkel samt doppelt dickem Fuß dem ich gerade mit Panzertape und Arnika zu leibe rücken will bevor ich ihn wieder im Stiefel verstecke.

Nach der Bezahlung gefragt passiert erstmal 20 Minuten nichts. Die Zeit drängt - ich frage nochmal. Tochter Ia - sie spricht perfekt engl. - und Mutter fühlen sich sichtlich nicht wohl in ihrer Haut. Auf nochmalige Frage kommt nach zurückhaltendem Stottern folgende Gegenfrage: "Was wollt Ihr denn bezahlen?"

Dinge gibt es, die sind einfach unbezahlbar...

Verkehr

Anarchie, Vollgas, Rücksicht - geordnetes Chaos

Vorweg: Oxymoron - Dinge, die einander widersprechen. Grüne Versicherungskarte & Georgien. Je nach Betrachtungsweise wäre eine Versicherung einerseits auf den ersten Blick nicht verantwortbar. Andererseits wäre sie vollständig überflüssig.

Eine breite Straße ohne jedwede Markierung. Gemütlich Platz für drei Fahrzeuge nebeneinander.

Es sind sechs. Zwei LKWs. Ein Bus. Dazwischen Kühe, Passanten, Schlaglöcher. Spuren existieren nicht und wenn dann gäbe es auch halbe und viertel Spuren. Straßenbeleuchtung geht nicht. Kein Problem - das der PKWs bleibt auch aus. Regen und Dunkelheit treiben den Adrenalinspiegel über den eines türk. Grenzbeamten. Visier runter - Blindflug. Visier hoch - Blindflug. Brille weg! Ich will das Stechen in den Augen direkt erleben!

Es braucht fünf Minuten zum Eingewöhnen. Dann setzt sich das Verständnis durch: Geordnetes Chaos. Gas und durch. Und siehe da: Die ganze Sache stellt sich bei genauerer Betrachtung harmonischer dar als auf den ersten Blick angenommen. Keine Kuh wird im Dunklen überfahren. Kein Mütterchen im hohen Bogen von der Straße mit Schmackes in den klitzekleinen Supermarkt gekickt. Es funktioniert schlicht bombig.

Könnte ich wählen Verkehr in Deutschland oder Georgien - ich würd mich für Georgien entscheiden. Warum? Auf den ersten Blick scheint alles härter, chaotischer. Auf den zweiten Blick jedoch stellt man fest, daß alles viel kooperativer abläuft als daheim.
Straßenverkehr in Georgien
Straßenverkehr in harmlos


Kein aggressiver, final auf sein vermeintliches Recht des stärkeren pochender Lichthupen­fahrer auf der Linken Spur. Kein dicker BMW 50cm hinterm eigenen Nummernschild. Der dt. Streß- und Zeitdruckfaktor fehlt hier dank­barerweise.

Highlight - Baustelle im Dustern bei Regen. Gefühlte 6-8 Spuren verengen sich auf zwei. Alles stürmt auf die Lücke zu. Zwei Transporter. Zwei PKWs. Und wir mit den Moppeds mittendurch. Irgendwie hupt hier jeder. Lichthupe hat glücklicherweise noch keiner entdeckt. Die Blendung könnte Chaos verursachen und die Kuh aufschrecken...

Batumi - Akhaltsikhe

In das Loch passen BMW UND Thomas

Frohen Mutes - Wetter heute herrlich - starten wir von Batumi gen Akhaltsikhe (sollte ich bei diesem Wort Buchstaben vergessen haben - behaltet sie). Die Straße windet sich gemütlich durch's Tal. Als die Straße ansteigt und der Asphalt langsam schlechter wird, setzt ein sportiver Vectra-Fahrer zum Überholen an. Sein Ehrgeiz scheint geweckt. Wahnsinn gepaart mit Können halten den alten Vectra teils eine Armlänge entfernt hinterm Mopped des Vordermanns. Kein Risiko. Die Straße wird's regeln.

Und siehe da - Asphalt weicht Schotter und Erde mit Stein. Die Höhe steuert zügig Feuchtigkeit bei. Kai & Olli sind jetzt froh, daß die Hinterreifen bereits gewechselt sind und sie jetzt auf Stolle fahren. Die Straßenschluppen hätten bereits aufgegeben.

Höher und höher geht's. Matschiger und matschiger wird's. Später soll uns auf der anderen Paß-Seite eine große GS mit viel Gepäck und einem Päärchen begegnen. Beiden steht der Schweiß nicht nur im Gesicht...
Der 2.025m hohe Goderzi-Paß liegt ein paar Meter nebenan. Das wissen wir aber zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Ist auch nicht nötig. Im Nebel haben wir alle Hände voll zu tun. Ein herrlicher Auftakt. Thomas versenkt vor mir beinahe seine komplette GS samt Fahrer in einem plötzlich auftauchenden 2m-Loch. Heißa, was ist das Leben schön!

Georgien - Stop im Nebel, Batumi - Akhaltsikhe
Stop im Nebel
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Menschen II

Armenische Hilfsbereitschaft & Schnabelschuhe

Beispiel Armen, Ninotsminda
Wir sind spät dran. Es wird zügig dunkel. Auf der Hochebene nördlich von Ninotsminda ist es feucht. Von den noch zentimeterdicken Hagelkörnern berichtete uns jemand schon vor Stunden. Der Wind pfeifft eisig.

Bei der Suche im schmierigen Geläuf geht mir das Vorderrad weg. Der linke Koffer reißt ab. Drei Nieten am Schloß hinüber. Mit zwei Spanngurten wird der Koffer fixiert. Hier können wir nicht bleiben. Zu kalt. Zu glitschig. Es zieht neuer Regen auf.

Bronte-Beach Bronte-Beach
Koffer ab Nähe Ninotsminda

Mit schleifenden Geräuschen geht es zurück nach Ninotsminda. Mittlerweile ist es dunkel und der Regen läßt's krachen. Derweil wir feststellen, daß die Hotels, die Olli gesehen hat, in Akhalkalaki standen, zucken Blitze am Himmel.

Die OSM-Karten sprechen von einem Hotel Ararat in Ninotsminda. Ich finde nur dunkle Hinterhöfe. Drei Taxifahrer lösen das Problem. Im dunkelsten Hinterhof brennt Licht...

Klitschnaß, zerlumpt und wie die Hunde schlagen wir im Hotel Ararat auf. Wider Erwarten haben wir Glück, daß wir noch zwei Zimmer bekommen. (Kai wird später dauerhaft im Flurlicht liegen. Und nachdem ich morgens gegen 5:30 geduscht habe, wird es einen Wasserrohrbruch geben...)
Armen, der Inhaber des Hauses ist herzlich, spricht perfekt englisch und kümmert sich wie eine Mutter. Wir fragen nach Tschatscha - diesem mystischen Alkoholgetränk von dem uns alle erzählen. Er - Armenier wie fast alle Menschen in den umliegenden Dörfer, die durch eine armenische Minderheit besiedelt werden - kommt mit einer erlesenen Kristallkaraffe wieder. Extra für den Gastgeber importierter armenischer Aprikosen-Wodka. Wir seien seine Gäste und mögen diese Flasche zum Aufwärmen jetzt leeren.

Am nächsten Morgen werde ich Armen kurz fragen, wo ich für Kai Durchfalltabletten besorgen kann und für meinen Koffer ein paar Schrauben mit selbstsichernden Muttern. Wenig später werde ich in einem optisch fabrikneuen Hummer größter Bauart sitzen und von Armens Bekanntem durch die armenische Gemeinschaft gereicht werden. Ein ganzer Laden wird beschäftigt mit meinem Koffer. Bezahlen darf ich nichts. Händeschütteln und schöne Grüße auf den Weg.

Nach erster, hier in der Gegend spürbarerer Distanz folgt sehr große Herzlichkeit.

Auffällig hier wie auch in vielen anderen Städten: Tagsüber vibriert hier das Leben. Die Straßen sind voller Menschen - richtig voll. Und - kleines Gimmick am Rande - egal, wie mehr oder minder gepflegt die Kleidung aussehen mag... die schwarzen Herren-Schuhe sind immer perfekt gewienert. Ein interessanter Gegensatz zum pflegebedürftigen Stadtbild mit einem Überfluß offen sichtbaren Mülls, schlammigen Erdfußwegen und Armeen von Kuhfladen.

Die herzliche Freundlichkeit prägt sich ein.

Perfekte Mopped-Kurven

Gas, Bremse, Gas

Auf dem Weg von Tbilisi nach Telawi stoßen wir ohne es im Vorfeld zu wissen auf den 1.839m hohen Gombori-Paß. Hossa, was eine Freude! Perfekte Straße. Perfekte Kurven. Gas, Bremse, Gas. Bergauf genau so ein Späßchen wie später auch wieder hinunter. Am Fuße stehen sieben Moppeds vor einer Kneipe. Die Jungens wissen, wo's Spaß macht.

Gombori-Paß, 1.839m

Abano-Paß (2.926m)

Die höchste befahrbare Straße Georgiens

Als Highlight und auch Wendepunkt unserer Tour geht der Abano-Paß in unser Gedächtnis ein. Mit 2.926m die höchste Straße Georgiens zwischen Telawi und Omalo. Und eine 4x4-Stein-Schotter-Erdrutsch-Sackgasse ohne Spritversorgung. Zeit zum Spielen...

Doch vorher steht der Proviant. Wissen wir doch nicht genau, was uns erwarten wird - außer daß es oben keinen Sprit gibt, wir 2x 70km plus ggf. 100km oben zum Spielen einplanen wollen. Und soviel sei vornweg erwähnt: Man fährt viel im ersten und später im zweiten. Allerdings kann man sich auch kilometerweit Rollen lassen...

Georgien - ehemals letzte Tankstelle vor Abano-Paß Georgien - letzte Tankstelle Abano-Paß
Tankstellen
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Frisch aufgetankt - hör ich da eine Guzzi klingeln?? - geht's los Richtung Paß. Nach Löchern mit Asphalt drum kommt Schotter und dann geht's aufwärts über steinigen, felsigen Boden. Links Steinwände, rechts Abhang. Ein, zwei Wasserdurchfahrten. Alles im ersten Gang. Wir werden nur bis zum ersten möglichen Platz für unsere Zelte kommen, da es bald dunkel wird. Dem einzigen Platz - direkt unterhalb der Brücke, die uns im einsetzenden Regen ein nettes Dach für ein gemütliches Feuerchen bieten wird. Das Feuerholz gibt's auf der anderen Seite des reißenden Baches. Nackisch wird heut Holz gefällt. Nebenbei grüßen uns Geländewagen, ein Transporter und sogar ein LKW, die die Berge während und nach Einbruch der Dämmerung herunterkommen.

Achja, Freunde... wir sind erst auf 1.500m. Wir müssen noch auf 2.900...
Der kommende Morgen wird's richten. Wir haben direkt unterhalb der Serpentinen geschlafen. Und ab hier gibt's nur noch eine Richtung: Hoch!

Das sah das Wasser der letzten Tage jedoch anders. Eine Kettenraupe ist unterwegs dabei, die Spuren der Erdrutsche zu tilgen.

Einige Kilometer, fast anderthalb tausend Höhenmeter, mehrere Wasserdurchfahrten, spaßige Kies- und Schlammpassagen am Rande des Abgrunds später werden wir die Paßhöhe erreichen. Stolz wie Lumpi steigen wir vom Mopped und wollen gerade Fotos machen. Da taucht auf einmal ein Radfahrer aus dem Nebel auf...

Birk ist mit dem Rad im Juni in der Schweiz losgefahren und kommt gerade von der anderen Seite den Paß hoch. Er kam von Shatili über die Berge rüber. Einpacken und Heimfahren, ihr Luschen...

Wir drehen dann doch nicht aus Schmach um, sondern lassen uns mit abgeschaltetem Motor die andere Seite des Passes runterrollen. Wir werden noch ein, zwei Bäche queren und dumm aus einem abgeschossenen russischen Transporter kucken. Mit zwei georgischen Truppentransportern Fangen spielen, die Buden auf einer kurzen schlammigen Passage fast versenken und Thomas wird in einer steilen Spitzkehre mit extra für uns angerichtetem Erdrutsch sein Hinterrad eingraben. Viel Spaß für wenig Geld. Und Visa kann uns mal den Buckel runterrutschen...

Allerdings wird auch hier - wie in einigen anderen Ecken des Landes ersichtlich, daß russische Zeiten auch ihr Gutes gehabt haben müssen: Die Lichtmasten stehen nur noch stumpf ohne Kabel in der Gegend herum. Viele Schotterstraßen lassen längst vergangene Asphaltfleckchen erkennen. Infrastruktur ade...

Bilder Abano-Paß

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Omalo

Friedliche Kuriosität am Ende der Welt

Eines vornweg: Das Tal oberhalb Omalo ist keine Sackgasse. Über einen Pferdepfad kommt man dicht an der russ. Grenze vorbei gen Shatili. Den Worten eines Radfahrers nach aber selbst mit einem leichten Mountainbike haarig.

Wegweiser nach Omalo
Wegweiser nach Omalo (Quelle: TS)


Wir kommen nach Omalo. Die nette Dame in der tushetischen Touriinfo spricht sauber englisch. Wir werden in Elizabeths Guesthouse vorstellig. Einfache Betten, ein handgedengelter Badeofen und zwei Spezialklos. Beide die übliche Steh-/Hock- oder wie auch immer Variante. Eines für Gäste. Hübsch gemacht. Mit Keramikschüssel. Unverankert. Ein Surfbrett ist ein Kindergarten dagegen. Einer unserer Jungens wird dies austesten und Flaschenweise Wasser zum Spülen hereintragen. Ich bevorzuge das Hausherrenklo: Eine ehrliche Bretterbudenhaut. Rustikales Loch im stabilen Holz-Fußboden. Hier gibt's genau das notwendige Quentchen vertrauenswürdige Stabilität für zünftige türkische Durchfälle mitten in der Nacht... teschekür ederim.

Omalo ist eine Wucht! Ein Kapitel für sich. Wo fang ich an?
Beginnen wir bei der Hauptstraße durch den Ort. Ich befürchte, ich habe keine Fotos gemacht. Was da ein paar 6x6 Kamas-LKWs durch Gärten und Felder gefräst haben, spottet jeder Beschreibung. Hat man die tiefen Spurrinnen, die auch als Gosse fungieren, erfolgreich hinter sich gebracht, landet man auf etwas, was vermutlich das Dorfzentrum darstellt. Von dort aus geht es - hinter weiteren noch zackigeren Spurrillen - auf einmal bergan. Und wie! Im Sitzen geht da auf dem Mopped mal grad gar nix. Und nach mehreren 90°-Kurven (Hügel darin inkl.) geht's rechts um die Ecke wieder steil bergan. Glücklich lacht, wer zufällig die rechte Spur gewählt hatte. Links ... naja. Wer braucht schon links? Zufuß ist doch auch mal schön...

Die Bewirtung durch unsere Gastgeber: Einmalig. Bombigstes Frühstück. Zwischendrin Tee & Kaffee, Gebäck, Kleinkram. Abendessen inkl. Wasser, Tee, Kaffee, Tschatscha und whatsoever. Die beiden Mädels kümmern sich rührendst um unser Wohlergehen. Ein Traum!

In Ober-Omalo finden sich mehrere der für die Region Tushetien üblichen Wehrtürme. Auch steppt hier abends der Bär! Kinder rennen durch die Gegend, reiten auf Pferden, Erwachsene unterhalten sich. Der Ort brummt.

Im Magazin von Omalo gibt es alles was notwendig ist: Zigaretten, Bier, Fisch und selbstgehäkelte Strümpfe. Und ein Schätzchen auf Nachfrage: Tschatscha - Selbstgebrannter - aus großen Kanistern wird auf gesäuberte Bierflaschen abgefüllt. Zu 3 Lari (1,50 EUR) die 0,5L Flasche. Und der Obstler ist edel! Meinen Single-Malts(Single cask) steht die Bierflasche inhaltlich in nichts nach...

Weiterführende Infos Tushetien:
- Wikipedia Tuschetien [1], [2]
- Nationalpark Tushetien

Omalo, Dartlo, Parsma

Schicke Beinahe-Sackgasse am Ende der Welt

Vorausgeschickt: Hier ist die Welt noch in Ordnung! Big brother Google kennt die Gegend nicht. Da muß man schon die OpenStreetMaps bemühen. Und selbst die geben irgendwo dort oben auf...

Die Kinder waren artig. Heute gibt's Pause. Spielen im oberen Alasani-Tal. Flußdurchfahrten, Reifen kaputtfahren, Luftpumpe vergessen, über's eigene Mopped drüberfallen. Kurz: Alles, was das Kinderherzchen so begehrt.

Wir starten in Omalo und arbeiten uns einfach im Tal immer "höher". Eigentlich eher westlicher.

Wir kommen an Dartlo vorbei. Faulenzen auf einer Wiese. Spielen im Schotter. Basteln an der Guzzi und dösen im Schatten des Moppeds.

Unser Weg führt gen Hegho. Rechts und links erheben sich majestätisch die Berge. Überall stehen mehr oder minder luftig Wehrtürme. Es gibt genügend Wasserdurchfahrten und Schotter - mehr als die Kinderherzen begehren.

Wir haben gerade eine Wasserdurchfahrt mit größeren Steinen hinter uns und sind über einige Steine und Schieferplatten gefahren, da meldet Kai Land unter. Sein hinterer TKC schwenkt die weiße Flagge. Das letzte Mal soll's nicht sein.
Das Marschgepäck liegt daheim. Meine Luftpumpe - eine übrigens sehr empfehlenswerte SKS Revo Alu - liegt in der Hütte. Thomas hat sein Werkzeug im Fach unten an der BMW. Schlüssel? Hütte. Der Pumpen-Stift, der das Ventil öffnet, ist bei seiner alten MZ-Pumpe im Urlaub. Vermutlich irgendwo in Bulgarien.

Die Mannschaft pflickt. Zieht im zweiten Versuch einen Schlauch ein. Und meine Twin muß aufgrund der höchsten Beine mal wieder zum Tiefbettverängstigen antreten.

Derweil Thomas und ich zurück Richtung letztem Ort fahren, um dort den Mantel entweder ins Halleluja oder ins Tiefbett pressen zu lassen - ein LWK-Fahrer spendet uns Druckluft, lehnt sich Olli von links über sein Mopped. Er will rechts den Clip-Verschluß seines Enduristan-Tankrucksacks in die Halterung drücken. Lange Rede, kurzer Sinn: Die Guzzi überlegt sich's anders. Beide kippen nach rechts und er segelt kopfüber über die Kiste. Und keine Fotos...

Und die Moral von der Geschicht? Schick den Paparazzi Luftholen nicht...

Kurze Zeit später wird Olli die Guzzi zur Strafe Nähe Parsma in einer prima Parkhilfe versenken. Wir haben's getestet: Stelvios kann man super zu dritt wegtragen.
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Die andere Seite des Kaukasus

Hintergründe

Auf den ersten Blick so gut wie gar nicht wahrzunehmen, lohnt es sich sehr, Hintergründe, Geschichte und Geschehnisse der gesamten Kaukasusregion etwas tiefer zu beleuchten.

Seie es das althergebrachte Berg- und Gastrecht speziell der Bergbewohner, Deportationen gesamter Bevölkerungs- gruppen, die Aberziehung angestammter Religionen. Der Kaukasus ist ein Schmelztigel verschiedenster Kulturen. Und sie alle blicken auf eine lange mehr oder minder friedliche Historie zurück.

Die beiden Literaturtips zeichnen nicht die für einen durchreisenden derzeitig auf den ersten Blick wahrzunehmende Realität nach. Sie geben jedoch einen äußerst tiefgreifenden Einblick in historische Entwicklungen und bis heute fortreichende Folgen der gesamten Region.
Literatur-Tips

Peter Scholl-Latour, "Das Schlachtfeld der Zukunft - Zwischen Kaukasus und Pamir", Goldmann, 1998
(Anmerk.: ausführlichst & umfassend)

Manfred Quiring, "Pulverfass Kaukasus - Konflikte am Rande des russischen Imperiums", Ch. Links, 2009
(Anmerk.: knackig & kurz)

Beide Bücher scheinen neben einer Unmenge interessanter Fakten ein relativ düsteres Bild zu zeichnen. Man sollte sich davon in der Realität aber nicht abschrecken lassen.

Akhmeta - Tianeti - Zinvali

Hauptstraßen dieser Welt

Von wegen Infrastruktur: Die Hauptstraße von Akhmeta nach Tianeti... Wer Schotter mag, eine gute Federung besitzt und möglichst keine TKC80 fährt, der sollte sich diesen Spaß mal ankucken.

Die 1050 jedenfalls gerät an ihre Grenzen. Die Federung ist überlastet. Und den TKCs trauen wir schon lange nicht mehr übermäßig viel zu. Für Steine sind schlicht die großen Freiflächen zwischen den flachen Stollenblöcken zu groß. Das Gummi zu dünn. Der Reifen zu wenig stabil.

Twin und GS drehen hier erst so richtig auf. Wir lassen's fliegen. Unterwegs überholen wir zügig gefahrene Niva-Staubschleudern gerade den Hang hoch. Sie müssen außenrum die längere Serpentine nehmen.
Den Fahrbahnzustand als desolat zu bezeichnen ist teilweise geschmeichelt. Die Straße hatte schon bessere Zeiten wie ein paar wenige Asphaltreste - die man mit der Lupe suchen muß - beweisen.

In Tianeti werden wir aus Containern tanken - von Kinderheeren umringt. Sie sind es auch, die mittendrin mit einer Beretta auftauchen und Zielen üben.

Die Straße von Tianeti nach Zinvali ist angeblich sehr gut. Nunja - Sichtweisen sind relativ. Für einen 6x6 Kamas oder Ural ist die Piste sicher eine Autobahn...
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Kazbegy - Stephansminda

Prometheus Berg

Wir rollen die letzten Meter der Straße von Tianeti bevor wir in die Heerstraße gen Gudauri einbiegen. Einige Male mußte ich mir herzhaft unter den Helm lachen ob der Aussagen der Einheimischen in Tianeti: Keine Sorge. Sehr gute Straße. Ob Kai mit der 1050er wohl auch so dachte ;)?

Ich fahre kurz runter nach Zinvali, um mir eine Zwiebel für meinen frischen Wespenstreifschuß in der Wange zu besorgen. Von der Straße kaum wahrzunehmen, stehen im Hintergrund zerschossene und zerfallende Blocks. Beim Hineinfahren wirken die Gebäude unwirtlich. Beinahe feindseelig. Nichtsdestotrotz werde ich - wie um die Optik Lügen zu strafen - von der Marktfrau gleich zwei Zwiebeln geschenkt bekommen. Bezahlung unmöglich. Ein Lächeln sucht man bei den Menschen hier jedoch vergeblich.

Das bringt mich auf einen Gedanken am Rande: Unsere Motorräder - mögen sie und ihre Fahrer auch noch so verdreckt und heruntergekommen aussehen - wecken überall Interesse wie Wesen von einem anderen Stern. Besonders bei der BMW wird immer wieder nach dem Preis gefragt. Osttürkei - ungläubiges Staunen: "Who's paying you the journey?!". Wer sich solche Luxusgüter und Reisen leisten kann, der muß theor. reich sein. In Georgien ließ man uns das in dieser Form nicht spüren - auch wenn das Interesse gewaltig war. Wir werden aber bald nach Rußland kommen...

Im Nebel geht es am nächsten Tag gen Kazbegy / Stephansminda. Kurz vorher reißt der Himmel auf. Eine dicke türkische GS Adventure rät uns davon ab die wohl sehr schwierige Piste zur Dreifaltigkeitskirche Sminda Sameba hochzufahren. Ein Schmunzeln später stehen wir oben mit herrlichem Blick auf den Kazbeg (5.033m).
Wohnblockskelette in Zinvali
Wohnblockskelette in Zinvali


Hier - am potentiell noch immer aktiven Vulkan - soll georg. Amirani / Prometheus angekettet gewesen sein zur Strafe dafür, daß er den Menschen trotz Verbot das Feuer brachte.

Noch ein paar Kilometer Schotter und wir werden uns mit sehr freundlichen georg. Grenzern englisch unterhalten. Die Grenzstation ist im Top-Zustand. Anders als die Straße im dahinter liegenden Niemandsland, die mit gewaltigen Löchern wohl den desolaten Zustand zwischen Georgien & Rußland reflektieren soll. Direkt am Eingang eines Tunnels - im Übergang zwischen hell und dunkel - wartet ein Wahnsinnsschlagloch auf uns. Ich zerre das Gas im letzten Moment auf und stoße mich dann ab. Es kracht trotzdem gewaltig.

Nach kurzem Zögern und mit einigem Respekt werden wir an der kilometerlangen Schlange vor dem russ. Grenzposten vorbeifahren. Alternativ hätten wir wohl mittags bereits hundert Meter weiter unsere Zelte aufschlagen können...

Weiterführende Infos Kazbeg:
- Wikipedia
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