Iran per Motorrad 2013 - Im Iran

Im Land der Herzlichkeit & Poesie (Stand: 2015/03/06)

Anreise durch Europa gen Georgien

Länderhopping auf Speed

Moppets im Iran südl. armenischer Grenze zwischen Tabriz & Nordooz
Moppets im Iran südl. armenischer Grenze

Tagesetappen Anreise
- Tag 10, 10.08.2013, 178km (Iran)
- Tag 11, 11.08.2013, 0km (Iran)
- Tag 12, 12.08.2013, 410km (Iran)
- Tag 13, 13.08.2013, 331km (Iran)
- Tag 14, 14.08.2013, 167km (Iran)
- Tag 15, 15.08.2013, 237km (Iran)
- Tag 16, 16.08.2013, 405km (Iran)
- Tag 17, 17.08.2013, 566km (Iran)

Routen noch nicht verlinkt



Unser Reiseziel. Der Iran. Ein Land - von west­lichen Vorurteilen nur so überhäuft. Herz­lich. Rau. Voller Historie. Voller un­glaub­lich freundlicher Menschen. Voller Kultur. Hoch­gebildet. Wahnsinnsverkehr. Auf uns ein­strö­mende, herzliche Menschen. Über­wäl­tigend!

Wir werden unseren Plan, Esfahan und die Dasht-e Kavir anzufahren ändern und im Norden bleiben. Wir werden tatsächlich nicht eine Moschee besuchen. Aber Menschen. Herzlich. Unglaublich freundlich. Hunderte. Unbeschreiblich. Ein Land - so fehl­ein­ge­schätz. So unterschätzt. So bar­barisch viel herzlicher und authentischer als die meisten der vollkommen grundlos vor­ur­teils­be­haf­teten westlichen Länder.

Vorwort

Oxymoron Iran vs. "the axis of evil"

Vornweg: Iran - "The axis of evil" . . . . . . . .
Das ist mit Abstand der größte Bockmist, den eine gut funktionierende Propaganda-Ma­schinerie über Massenmedien einer breiten Masse mit Bezug auf den Iran je hat ein­trichtern können.

Daß diese Manipulation über Dekaden hinweg bemerkenswert effektiv Früchte getragen hat, merken wir daheim im bekannten Umfeld als auch bei der Anreise wo immer wir nach unserem Reiseziel gefragt werden.

Einseitige Berichterstattung, die breite Masse außer acht lassend, fokussiert auf einige wenige von der Masse abweichende In­di­vi­duen, hat schon viele Volksgruppen un­ge­recht­fertigt in Verruf gebracht.
Wer immer dies lesen mag - sei Dir sicher, daß Du vermutlich in keinem Land der Welt Deine mehr oder minder heimlichen Vorurteile so gründlich und erdrückend herzlich widerlegt bekommen wirst wie im Iran.

Ich hoffe in den nächsten Abschnitten diesen himmelschreienden Unfug mit selbst erlebten Beispielen etwas widerlegen zu können.

Daß die Eindrücke nur oberflächlicher Natur sein können, zwangsläufig einer gewissen Subjektivität unterliegen, bitte ich beim Lesen und Bewerten zu beachten (und zu ent­schul­digen).

"Reisen ist tödlich für Vorurteile." - Mark Twain

Welcome to Iran, welcome to Persia

Ein herzlicher Einstieg to "the axis of evil"

Wir verlassen die Türkei über den südlichen Grenzübergang Esendere - Sero, der eine Verbindung zwischen der Stadt Yüksekova auf türkischer und Orumiye auf iranischer Seite darstellt. Sowohl Piste als auch die großen Abfertigungshallen lassen auf bessere Zeiten schließen.

Auf türkischer Seite verläuft alles freundlich, sehr nett und verschlafen. Wir schieben 10m vorwärts und stehen unerwartet schon im Iran. Eines gewissen Unwohlseins kann sich wohl niemand von uns erwehren. Zu lang wurden wir mit unterschwelliger Propaganda gefüttert.

Rechterhand bekommen gerade ein paar in hellbraun Tarnfleck gekleidete Pasdaran eine Moralpredigt vom Vorgesetzten. Linkerhand auf einer Brüstung sitzt ein finster blickender Kerl, der uns auch gleich ebenso finster ankrakelt als wir alle unsere Moppeds zur nächsten Hütte schieben wollen. Ducken. Ok - nur einer.

Das soll aber der einzige negative Eindruck bleiben. Thomas holt mich in die Hütte nach - ich soll Übersetzer machen. Es entpuppt sich ein höchst positives, freundliches Gespräch in perfektem Englisch. Wir haben Zeit - die Computeranlage ist ausgefallen. Geschwatzt wird über dies und jenes.

Tips für die Reise. 10 Tage? Dann vermeidet den heißen Süden. Im kühleren Norden werdet ihr mehr Spaß haben. Tips hier. Tips da. Meinung über Iran im Ausland. Er lacht. Eine Mischung aus Heiter- und Traurigkeit. Laßt Euch überraschen. Wahrscheinlich werdet ihr viele Vorurteile überdenken müssen. Tankkarte? Braucht ihr nicht. Einfach tanken.
Moppedtester in Orumiyeh
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Dieses, jenes? Fahrt einfach los. Gute Reise und alles gute. Meine anfängliche Skepsis verkriecht sich bereits hier verschämt in eine dunkle Ecke.

Im Abfertigungsgebäude geht es gemütlich und entspannt zu. Man sitzt auf Sofas, trinkt Tee, versucht mir lachend Farsi beizubringen. Wünscht eine gute Reise. Und schon sind wir durch.

Wohl nicht ganz ohne Eigennutz hat man uns noch jemanden zum Geldtauschen besorgt - heut sind alle Banken geschlossen. 1:2.900 will er tauschen. 1:3.100 werden wir jeder 50 EUR tauschen (unnötig viel wie sich später herausstellen wird). In Orumiyeh werden wir morgen einen Tauschkurs 1:4.180 haben (in Tuman; siehe unten Abschnitt "Galoppierende Inflation").

Merke: Kenne die groben Tauschkurse jedes Landes vor der Reise. Vermeidet später große Fragezeichen.

Verkehr im Iran

Erstkontakt zur Kamikaze-Nation

Wir sind gewarnt worden vor'm iranischen Verkehr. Aber was wir hier erleben werden spottet jeder Beschreibung.

Jemand, der 10 Jahre im Iran lebte gibt uns folgenden Tip: "Sei nie schneller als der schnellste. Aber immer schneller als die anderen."

Von der Grenze bis Orumiye bekommen wir auf normaler Landstraße einen sanften Vorgeschmack. Überholt wird als ginge es um Pokale. Ein Geländewagen weicht aufgrund nicht weg­zu­diskutierendem Gegenverkehr auf den Schotter-Seitenstreifen aus und zieht dort ratzbumm am Vordermann vorbei.

Mit den Motorrädern und noch immer halbwegs dt. Einstellung fahren wir hier niemandem weg. Die Iraner fahren reaktionsschnell, mit einer gewissen Prise Wahnsinn, nutzen jede sich bietende Chance. Paß Dich an - oder bleib daheim.

Was auf der Landstraße noch Spaß war, artet in Orumiye - der "Stadt am Wasser" (syrisch-aramäisch ur - Stadt, mia - Wasser) in Arbeit aus. Mehrspuriger Verkehr. In Kreisverkehren wird jede Lücke mit Schwung geschlossen. Fahrspuren? Wen interessiert sowas? Gib Gas oder friß Staub.

Die Menge der Fahrzeuge ist überwältigend. Die extrem schnellen Wechsel zwischen Gas und Bremse ungewohnt. Wahnsinn. Ge­or­gische Rennfahrer im Geiste sind Kinder­garten dagegen.

Auf den Straßen bietet sich übrigens überall ein recht ähnliches Bild: LKWs meist älteren
Baujahrs - Mercedes Kurzhauber & Frontlenker, 40 Jahre alte Macs und Volvos; bei PKWs stechen immerzu die blauen Pickups vom Typ Saipa & Zamyad ins Auge. Viele Paykans - Limousinen vom Hersteller Iran Khodro, Peugoet 405 - im Iran als Peugeot Pars bezeichnet. Dazwischen kurven Unmengen kleiner Motorräder - meist 125er.

Alter Mac im Iran

Mercedes Kurzhauber im Iran    Saipa (ähnlich Zamyad) im Iran    Mercedes Frontlenker im Iran
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Weiterführende Infos:
- "Orumiyeh" bei de.wikipedia.org
- Provinz West-Azerbaidschan bei de.wiki­pedia.org
- "Paykan" bei de.wikipedia.org
- "Iran Khodro" bei de.wikipedia.org

Schnellkurs Iran

Persisch in zwei Tagen

Wir sind im Iran. In Orumiyeh (Urmia). Verkehr haben wir kennengelernt. Größere Stadt mit Verkehr auch. Menschenauflauf samt herzlicher Begrüßung bei Hotelsuche per GPS - wir stoppen ahnungslos vor'm Eingang zum Basar ... und lösen eine Eruption aus. Der Basar speit plötzlich Men­schen­men­gen. Alle sagen hallo. Alle kucken. Einer wird mein Kumpel. Wir werden uns bis morgen Abend noch mehrmals sehen. Er bietet Hilfe an. Wenn wir was brauchen, bitte sofort vor­bei­kommen. Habt ihr Hunger? Wieder und wieder. Er freut sich inständig.

Erstes Hotel belegt - wir wissen noch nicht, daß wir morgen Mittag doch einziehen... Also gehen wir in Hotel zwei. Man deutet uns mit gerunzelter Stirn an "zum Schlafen reicht's". Ok - wir ziehen ein.

Danach ein paar Meter per pedes durch die Stadt. Nüx zu esse gefunne außer Eis, Süßkram & Co. Wir gehen zurück zum freundlichen Hotel und dort ins Restaurant. Man wird Geikel mit uns machen. Späßchen - es macht Freude mit den Jungens und Mädels. Wir lachen alle zusammen viel. Und dann bringen sie uns F. F hat 30 Jahre in Dtl. gelebt. Spricht perfekt deutsch. Wir werden zwei Tage große Freude und viel Spaß mit­einander haben. Auch mit der Ho­tel­mann­schaft. Viel Geikel. Viel Spaß...

Mit F lernen wir die Nacht kennen. Sze­ne­kneipe. Wasserpfeiffe. Schmun­zel­wasser ge­fällig? Lassen wir besser.

Stellvertretend rauchen wir einfach Wasser. Be­kom­men Cocktails geschenkt. Tee. Eis. Die 9-jährige Tochter möchte uns am liebsten heiraten. Der Chef trinkt eine Art Bru­der­schaft mit uns. Freut sich innigst. Lädt uns zur Jagd morgen früh um 5 ein. (Wir lehnen ab, da wir weiterwollen morgen - es wird anders kommen...) Superherzlich.
Mitten in der Nacht heim. Alle Straßen hell erleuchtet. Bunte Lichterketten. Morgen Mittag - massiv zu spät - fahren wir durch die Stadt in F's Kia. Ausparken - bumm, bumm, bumm. Die PKWs müssen weichen. Straßenverkehr - um Gottes willen. Parken - oh, Parkwächter weisen Plätze in zweiter Reihe zu? U-Turns im Vollverkehr. Basarbesuch. Postkartensuche (schwierig).

Abends kommen wir in ein Geschäft. Der Besitzer wird uns später beschenken. Und plötzlich die Türe zu einem Hinterhof für uns öffnen - unerwartet. Wir stehen plötzlich ahnungslos in der zweitältesten Kirche der Welt. Bekommen eine Spezialführung. Assy­risch. Der Führer muß plötzlich dringend weg. Militante Muslime haben auf einem kleinen Dorf eine assyrische Kirche angesteckt. Ganz so ruhig und tolerant scheint es wohl doch hintergründig nicht zu laufen...

Hunger? Ok - verrückter Verkehr. Mit Schmackes in einen Kreisverkehr. Zügig einparken mit Front zum Bürgersteig. Was ist das? Tagsüber ein Kreisverkehr. Nachts ein Jahrmarkt. Wir holen Spieße direkt vom Verkäufer vor der Motorhaube. Werden mit Wildfremden die Motorhaube in einen Tisch umwandeln. 7 oder 8 Leute essen dort si­mul­tan. Tauschen Essen mit uns aus - hier, probiert... und hernach kommt der Grill­meister und wischt F feinsäuberlich die Motorhaube ab. Hier gefällt's mir...

Traumhafter Einstieg. Persisch fast forward. Tausend Dank, lieber F für alles.
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Umwerfende Freundlichkeit

Ein beispielhafter Tag im Iran

Tag drei im Iran. Wir haben unsere ersten Lektionen in Sachen persische Lebensweise bereits mit riesigen Löffeln in Orumiye (Urmia) eingetrichtert bekommen.

Heute geht's wieder los auf zwei Rädern. Wir machen uns auf gen Esfahan. Es läuft...

Erster Tankstop. Getankt ist. Plötzlich kommt der Tankwart, bringt uns ein kuchenähnliches Fladenbrot (ähnlich barbari), Schafskäse und bedeutet uns lächelnd mit Händen und Füßen "eßt". Ui!

Wir düsen weiter. Und zwangsläufig kommt ir­gend­wann Tankstop zwei. Nach dem Tanken holt Kay vier Eis. Kurze Zeit später kommt ein Tankwart und bringt ihm sein Geld zurück. Wir seien sein Gast. Nichts zu machen - wir müssen annehmen. Weiterhin würde er uns gern ins Restaurant zum Essen einladen - wir müssen wieder und wieder ablehnen, da wir weiterwollen. Er freut sich wie ein kleines Kind über uns. Dankt uns, daß wir sein Land bereisen. Drückt uns alle halbtot aus Freude.

Stop 3. Friede. Niemand da... ;)

Aber dann. Stop 4 mitten im absoluten Nichts. Von hinten kommt ein PKW, reißt direkt vor uns das Lenkrad herum und kommt am Straßenrand mit quietschenden Reifen zum Stehen.

Handzeichen - Jungens, es geht weiter. Männecken kommt aus dem Auto gehuppt - stop, stop, stop! Er geht an seinen Kof­fer-
­raum, holt ein kleines edles Geschenkpaket in der Größenordnung eines Schuhkartons heraus und kommt zu uns.

Toll, daß wir da wären. Er würde sich so freuen. So ein weiter Weg. Er öffnet den Karton. Das wäre ein sehr spezielles Gebäck. Eine Spezialität aus Tabriz, die er extra aus der 250km entfernten Stadt für seine Familie besorgt hat. Er insistiert, daß wir uns jeder einen Kuchen nehmen. Klopft uns allen lachend auf die Schulter, wünscht uns gute Reise, winkt und ist verschwunden.

Iraner schenkt uns Kuchen aus Tabriz
Iraner schenkt uns Kuchen aus Tabriz

Was bleibt, sind wir. Und wir können es einfach nicht fassen. 4x angehalten. 3x be­schenkt und vor Herzlichkeit beinahe erdrückt. Unfaßbar! "axis of evil"?!? What?!?

Menschen im Iran

Buntes Allerlei, Etikette und Kleiderordnung

Läuft man durch die Straßen größerer Städte, trifft man auf ein buntes Allerlei von Men­schen. Derweil im Nordwesten pri­mär Azeris und oft türkische Sprache an­zu­treffen sind, leben im Westen - in der Provinz Kurdistan - primär Kurden, in zentralen Lan­des­teilen hauptsächlich Perser.

Das Gros der Menschen erscheint sehr welt­offen, freundlich, interessiert und äußerst gut informiert. So ist den meisten Iranern nicht nur ihre eigene Situation bekannt, sondern auch die Sicht von Menschen anderer Länder auf den Iran.

Entsprechend der vor­ge­schriebenen Klei­der­ord­nung wird man Männer immer mit langen Hosen und Oberteilen sehen, die mind. die Schulter überdecken - oft langärmlig. T-Shirts und kurze Hemden waren nicht unüblich. San­dalen & Flip-Flops haben wir auch gesehen.

Die offiziellen Regeln für Frauen sind ei­gent­lich recht strikt (Mäntel - Ärmel bis Hand­ge­lenk, bis Knöchel bedeckt, nicht figurbetont; Kopf - Haare bedeckt - Ohren dürfen nicht sichtbar sein). Die Realität sieht aber anders aus und scheint in der Vergangenheit auf­ge­weicht worden zu sein: Frauen bedecken in der Öffentlichkeit mit dem Hijab - einer Art Schal oder Tuch - ihr Haar. Nicht eben selten stiebitzen sich aber an der Stirn Haare ins Freie. Teils ist das Kopftuch derart weit nach hinten gerückt, daß es fast vom Kopf rutscht. Auch sahen wir einige Frauen, die bei­spiels­weise im PKW ihr Hijab schnell über den Kopf zogen, wenn offensichtlich sich jemand näherte.
Weiterhin üblich ist - eher in der Minderheit und bei älteren Frauen - der Tschador. Speziell jüngere Frauen tragen oft Hose und Manteau - eine Art kurzen Mantel, der meist schick und mehr oder minder keß bis an die Knie heranreicht.

Und glaube keiner, die persischen Frauen wären nicht Mode-bewußt! Speziell in größeren Städten ist das absolute Gegenteil der Fall.

So sagt man uns, daß die typischen Perser zwar ein ruhiges Völkchen sind, aber gern provozieren - speziell die Jugend. Und exakt das - heidewitzka - kann man an allen Ecken und Enden erkennen. Wer - speziell in Tehran aber auch anderen größeren Städten - offenen Auges durch die Welt läuft, wird sich erschrecken, wie weit Erwartungshaltung und sichtbare Realität aus­ein­an­derklaffen. High-Heels, Jeans oder auch Strumpf­hose, Man­teau & keß nach hinten getragener Hijab sind durch­aus an der Tagesordnung.

Ein Vater erzählt uns, daß er seiner kleinen Tochter später kein Kopftuch aufzwingen möchte. Nicht jeder scheint mit den ver­ord­neten Regeln konform laufen zu wollen.

Weiterführende Infos:
- Islam. Dresscode für Frauen im Iran bei Ted Simon Foundation

- Bevölkerung Iran
- Religionen: Islam, Bahai, Zoroastrier
- Etikette: Taarof

Literatur-Tips

Infos für Vorbereitung und Reise

Online-Präsenzen
iranhaus.de

Reiseführer
Iran - Islamischer Staat und jahrtausendealte Kultur, Peter Kerber, ISBN 978-3897942332

Lonely Planet Iran, Andrew Burke, ISBN 978-1741791525

(beide Reiseführer ergänzen einander sehr gut)

Landkarte
Iran 1:1.500.000 Reise-Know-How, ISBN 978-3831770984
Hintergründe
Der Iran (Die verschleierte Hochkultur), Andrea Claudia Hoffmann, ISBN 978-3424350012

Weltmacht im Treibsand. Bush gegen die Ayatollahs, Peter Scholl-Latour, ISBN 978-3548367828

Iran: Der falsche Krieg. Wie der Westen seine Zukunft verspielt, Michael Lüders, ISBN 978-3406640261

Reiseberichte/Blogs
blog starapower.de
blog asiabike.de
abenteuer-seidenstrasse.de (inhaftiert im Iran)

Drei Worte

Ein kurzer Exkurs in die Welt der Freundlichkeit

Ich kann weder fließend georgisch noch türkisch. Aber drei kleine Worte - mindestens eines - in der Landessprache halte ich aus Sicht der Höflichkeit und des Respekts für mehr als sinnvoll.

Minimum "danke". Besser noch "hallo", "danke" und "tschüß". Sie signalisieren meinem Gegenüber Freundlichkeit; den Willen, die Mühe auf mich zu nehmen, in ihrer/seiner Sprache zu sprechen; Respekt vor meinem Gegenüber.

Und siehe da: Wieder und wieder wecken die genuschelten drei Worte - oder einfach nur "danke" - mind. ein freudiges Lächeln. Teil­weise resultieren sie unerwartet in über­schwenglichen Freudenausbrüchen. "Kucke ma... haste den stammeln seh'n? Hähä... putzich..."

"Danke" in der jeweiligen Landessprache ist ein Zauberwort. Es öffnet die Herzen der Menschen.
Ein schneller Überblick (geschrieben wie gesprochen)
  • Deutsch:
    Hallo | danke | Auf Wiedersehen
  • English:
    hello | thank you | goodbye
  • Farsi:
    salam | mamnun | chodafez
  • Türkisch:
    merhaba |teschekür ederim |güle güle
  • Bulgarisch:
    zdrawey | blagodarja | dowischdanje
  • Rumänisch:
    ßalut | mulzumeßk | la rewedere
  • Georgisch:
    gamardschoba |gmadlob |mschwidobit
  • Slowakisch:
    ahoj | dakujem | do vidanja
  • Tschechisch:
    hallo | dekuji | na shledanou

Überwacht

Der Anstands-Wauwau behind you

Wir haben einen bombigen Kontakt zum Hotel­per­sonal. Und erfahren, daß ein Pas­da­ran kam, um unsere Daten zu kontrollieren.

Einer der hellbraun gekleideten Typen, der morgens kurz im Hotel auftaucht, wird uns später auch beim Spaziergang durch die Stadt verfolgen.

Auf einem Campingplatz wird ein Typ im karierten Hemd heimelich im Hintergrund herumlungern. An einer Tankstelle mich ein Typ - der sieht, daß dort 4 Motorräder stehen - fragen, ob wir zu fünft reisen. Was wir offensichtlich nicht tun, da unser an­ge­mel­deter fünfter Kollege in Griechenland ausfiel. Sein Compagnion wird darauf hin ein Handy zücken und auf Farsi telefonieren. In einem Ort steht ein einfarbig braungekleideter Typ mit verschränkten Armen am Straßenrand als ob er die gesamte Straße überwache und schaut uns finster hinterher. Primär aber scheint er die Einwohner zu überwachen und im Auge zu behalten.
Ein leicht bitterer Beigeschmack ab und an läßt sich nicht vermeiden. Erinnerungen an Vokabeln wie "Stasi" werden wach. Eine leichte Regung von Mitleid für ein so tolles, offenes, freundliches, gebildetes, herzliches Volk.

Und doch kann ich es der Obrigkeit nicht vollends verdenken, wenn sie mißtrauisch uns gegenüber agieren sollte. Ist doch die dauerhafte, unterschwellige Hetze der west­lichen Staaten - allen voran "demokratische" Länder, die mit Enthüllungen über Voll­über­wachung jedweder Kommunikation auch der eigenen Völker glänzen, die Computerviren a la Stuxnet oder Flame auf iranische In­dus­trie­anlagen an­setz­ten, einer westlichen Welt, die das Land wirtschaftlich isoliert und immer­während einem friedlichen Volk indirekt mit Krieg droht, nicht von der Hand zu weisen.

Weiterführende Infos:
- "Stuxnet", "Flame" bei de.wikipedia.org

1 : 100+

Aktive bad versus good experiences

Von bad experiences zu sprechen, ist genau genommen massiv überzogen. Kinkerlitzchen - nicht der Erwähnung wert. Speziell nicht im Vergleich zu den ganzen aktiven, unglaublich freundlichen Erfahrungen. Ich benenne sie trotzdem. Zwei Lapalien:

An der Grenze bellt uns ein Typ von der Brüstung an. Kurzes Ducken aufgrund Ahnungslosigkeit. Fertig. Er wollte wohl nur mal kurz was gesagt haben. Eigentlich ein ganz ruhiges Kerlchen. Ver­gessen und joot.

Nr. 2 - das einzig wirklich negative Auftreten uns gegenüber. Der Hotelchef meint, wir sollten die Moppeds auf einen bewachten Parkplatz stellen. Es wäre hier nicht sicher. (Morgen stehen die Moppeds um die Ecke ohne jedwedes Problem draußen - auch warnt uns morgen das uns höchst positiv gesinnte Hotelpersonal nicht. Keine Gefahr.)

Als wir morgen die Moppeds vom Parkplatz abholen wollen, nimmt der Kassierer einen Hunderttausender (=10.000 Tuman) und streicht damit einmal sehr theatral über das Heck eines jeden Moppeds. 40.000 Tuman. Schnell überschlagen. Thomas meint "nöö - das kann nicht sein - zu viel". Der Wächter zappelt hin und her. Zeigt gen Himmel. Ah ja - Allah sieht alles. Drückt uns mit beleidigter Mine den Hun­dert­tau­sender zurück in die Hand. Er wird dann 20.000 Tuman kassieren - zwei Hunderttausender (im Iran schon viel Geld - 10 gute Essen ohne Getränk im Restaurant).
Wieder im 2. Hotel wird man erstaunt die Augen aufreißen. "Was?!? 20.000 Tuman?? Der hat Euch beschissen! Und Hotel 1 kassiert garantiert 50% Provision!"

Es stellt sich heraus, daß man mit 40.000 Tuman einen PKW 2,5 Monate bewacht hätte parken können. Unsere 20.000 reichen noch immer für mehr als einen Monat. Der Park­platz­wächter wird uns - rundgemacht durch unseren persischen Freund - zähneknirschend und lamentierend 10.000 zurückgeben. An­geb­lich noch immer viel zu viel (2.000 ok). Unser Freund wird sich noch übelst vom Hotelbesitzer 1 beschimpfen lassen müssen, er wäre ein Dieb und hätte seine Gäste ge­stohlen, Hundesohn, blablabla. (Wir hatten unsere Uhren nicht korrekt umgestellt. Als wir es - ausgecheckt aus Hotel 1 gegen 13:00 Uhr mitbekamen, brauchten wir auch keine große Tagesstrecke mehr in Angriff nehmen. Wir blieben gleich im Hotel wo unser Freund wohnte - ohne sein Zutun.)

Alles kein Beinbruch. Wir wären lediglich 1x nach iranischen Maßstäben monetär bös hinter's Licht geführt worden. Nix im Vergleich zu anderen Ländern. Und vor allem nichts im Vergleich mit allen positiven Erfahrungen - die man in solcher Fülle auch in keinem anderen Lande erlebt.

Iran heute - Persien gestern

Ein schneller historischer Abriß

Das ehemalige Persien wird gern betitelt als die Wiege der Menschheit. Es wird gewertet als eine der ersten Hochkulturen der Welt. Weiterführende Infos:
- Geschichte: Überblick, Einordnung, 1, 2,
  Zarathustra, Pahlavi-Dynastie, Mossadegh,
  Ruhollah Chomeini

Qazvin

Verstopfung in Verkehr und WC

Qazvin. Ein längerer Fahrtag liegt hinter uns. Am Ortseingang drückte uns ein älterer Herr frisch geerntete kleine grüne Gurken in die Hand und schiebt wortlos seinen Karren weiter.

Wir kommen über die Dandy-Road - sehr schön zu fahren - aus der Gegend des Takth-e-Soleyman. Der Verkehr der letzten Ki­lo­meter war wieder ... belebend. Jetzt suchen wir ein Hotel.

Wie so oft, wenn man keinen wirklichen Plan hat und sich auf ein Navi verläßt - die Open Street Maps tun an sich einen super Dienst, kann es vorkommen, daß ein ver­nunft­be­gabter Mensch eine andere Entscheidung treffen würde als ein Navigationsknochen. Es gäbe eine Umgehung südöstlich um Qazvin - direkt vor die Hoteltüre.

Wir aber fahren durch. Und durch heißt DURCH. Mitten durch's Stadtzentrum. Verkehr des sehr späten Nachmittags. Daß soviele Fahrzeuge auf eine einzige Straße passen - wer hätt's gedacht.

Von links, von rechts - einer weicht ernsthaft auf den Bürgersteig aus und überholt mich von rechts durch eine gerade freie Parklücke - mit Schmackes wohlgemerkt.

Die Kreisverkehre sind im Kriegszustand. Hupen. Sofort jede Lücke zu. Bamm - ein Unfall. Geschrei. Gehupe. Rechts. Links. Oben. Unten. Die Lüfter jodeln, weil die Motoren heißlaufen.

Wir halten vor'm ersten Hotel. Mal wieder in einem Jahrmarkt - gefühlt zumindest. Un­men­gen Menschen auf den Straßen. Sofort ist man umzingelt. Hier Moppeds parken über Nacht? Nö! Aber wir müssen eh weiter. Hirn auf Gas und wieder rein ins Getümmel. Hier wird nichts verschenkt!

Im MarMar-Hotel werden wir sowohl auf Hin- als auch kurzfristig entschieden auf Rückweg einkehren. Und beide Male werden wir - öhm ja... - eine Verstopfung hinterlassen.
Toilette und Dusche bedienen sich des gleichen Abflusses...

Die Etage mit den 100er Nummern besitzt übrigens Sitzklos - nicht die sonst üblichen Hock-­Toiletten.

Sonnenuntergang vom Zendan-e Soleyman (Iran) - westl. Takht-e Soleyman
Sonnenuntergang vom Zendan-e Soleyman

Die Stadt brummt auch nachts. Die Straßen sind voll. Menschen flanieren. Es ist jede Menge los.

Zwei Tips: Im Iran befindet sich immer ähnliches bei ähnlichem. Restaurant an Restaurant. Eisbude an Eisbude. Werkstatt an Werkstatt. Hat man das gewünschte einmal gefunden, hat man die Auswahl.

Tip zwei: Hotelrestaurants sind toll. Aber wenn man rausgeht, erlebt man mehr.

Merke: Im iranischen Kreisverkehr hat Vor­fahrt wär einfährt! Nicht wer drin ist...

Weiterführende Infos:
- Takht-e Soleyman: 1, 2
- Zendan-e Soleyman: 1, 2
- Qazvin
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Hoch oben

Teppich, Feuer, Wasserpfeiffe auf dem Salambar-Paß

Wir düsen durch's Alamut-Valley. Den Salambar-Paß hinauf. Allein die Anfahrt ab Qazvin ist Freude pur. Kurven. Serpentinen. Wildzerklüftete Berge des Alborz-Gebirges (dt. Elburs - nicht Elbrus). Unterwegs sind wir - ich allein in dem Fall + vollbekleidete ein­heimische Jugendliche - ins Wasser des Ewan Sees gehupft, haben Assassinen-Festungen bekuckt und uns tiefgreifend über Gott und die Welt stundenlang mit einem Perser auf deutsch unterhalten.

Und nun winden wir uns noch feucht-frische Serpentinen hinauf (der Asphalt wird gerade gelegt). Freunde der Schotterstrecken, laßt Euch sagen, die südlichen Serpentinen in Schottertrim sind Geschichte. Die wesentlich haarigeren im Norden sind - zumindest untenrum - massiv in der Mache. 2013. Evtl. ist zumindest teilweise bald Schluß mit Schotter am Salambarpaß.

Uns stört das nicht. Wir bekommen noch genug Staub. Und kurz vor der Paßhöhe - dort befindet sich ein alte Karavanserei - treffen wir auf eine illustere Mannschaft.

Zwei Jungens, ein Mädel laden auf ihrem Teppich zu frisch gegrillten Spießen, offerieren Getränke, teilen mit uns eine höchst wohlschmeckende Wasserpfeife - und bieten einige andere Geschichten an, die wir dankend ablehnen. Auch ist sie die erste Frau, die wir direkt sehen, die ihr Kopftuch nicht trägt. Sie setzt es nur schnell auf, wenn kurz andere Iraner auftauchen.

Wir genießen gemeinsam einen wundervollen Abend, tauschen soweit ohne gemeinsamen sprachlichen Nenner machbar Informationen aus und erfreuen uns an der grandiosen Landschaft als auch der zwischen uns herrschenden super herzlichen Atmosphäre als würden wir uns ewig kennen.
Bei gutem Wetter kann man vom nächsten Bergrücken aus das Kaspische Meer sehen. Mir erscheinen nur Wolken - trotz Kletterei und Zusatzmetern.

Auf den letzten Metern zum Salambar Paß
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Btw: Mit dem Motorrad (ggf. alle Typen - Nordseite schwieriger, da steile Schotterserpentinen) ist der Paß ohne jedwedes Problem zu befahren. Einzig blockierenden Schnee zur falschen Jahreszeit würde ich als wirkliches Hindernis vermuten. Tank voll und los geht's. Eines nur - der Paß liegt auf 3.170m Höhe. Entsprechende Witterung ggf. eingeschlossen.

Weiterführende Infos:
- "Alamut" bei de.wikipedia.org
- "Assassinen" bei de.wikipedia.org
- Quazvin via Salambarpaß gen Tonekabon im Motoplaner
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Tritt ins leere

Schotterbremse in der Nord-Serpentine

Von allen haarigen Passagen gibt es keine Fotos, weil ich meine Helmkamera fälsch­licherweise kurzfristig daheimließ. Nuja, was soll's? Drops gelutscht.

Unser Nachtlager auf der Salambarpaßhöhe neben der Karavanserei ist beendet. Die Moppeds gepackt. Wir hatten einen tollen Sonnenaufgang. Moppeds & Zelte direkt neben der Abrißkante. Die Täler weit unter uns durchzogen vom Nebel des fernen Kaspischen Meeres. Wir viele hunderte Meter höher. Caspar David Friedrichs "Wanderer über dem Nebelmeer" hätte hier entstanden sein können.

Wir nehmen die nördliche Abfahrt vom Paß. Zig Kilometer zieht sich die Schotterpiste in teils sportlichen Serpentinen dahin. Vom 3.200m hohen Salambarpaß bis auf die Höhe des Kaspischen Meeres fällt das Sträßchen, der ruppige Feldweg.

Motor aus, rollen. Sprit sparen brauchen wir hier bei den Preisen nicht wirklich (2 EUR - Tank voll). Aber die Ruhe beim Rollen ist toll. Irgendwann schmeiß ich den Motor wieder an. Die anderen sind voraus. Ich wollte mal kucken. Also guppi und hinterdrein.

Und wie ich gerade recht steil auf eine mit grobem Stein verzierte Spitzkehre zuroll - die Aussicht dahinter ist ein Traum, denn es geht ein, zwei, zack weit bergab - da tret ich plötz­lich ins Leere...

What da shitfucking bloody! Wo is meine Fuß­bremse?!? Ey! Kommst Du woll her!

Das gedankliche Hadern dauert max. Se­kun­den­bruchteile. Erkenntnis, Reinkrachen erster Gang & Killschalter kommen fast simultan. Spitzkehre und Abhang sind fast erreicht. Vor'm Abschmeißen als Notanker fangen Motor­bremse und sanfter Einsatz der Front­bremse die Bude gerade noch ab. Mir geht die Pumpe!
Platz zum Abstellen ist in den engen, steilen Stücken derzeit nicht drin. Also roll ich auf den Graden mit erstem Gang - Motor an. Und direkt vor bzw. fast in der Kehre kommt der Killschalter. Das dauert. Die Strecke zieht sich. Mehr als grob Schritt ist bei der steilen Abfahrt auf dem Schotter nicht drin. Mit der vorderen Bremse allein kann ich die Bude im Notfall nicht einfangen.

Weiter unten - 4qm Platz - die Bremsanlage ist trocken. Flüssigkeitsstand stimmt. Mir wird mein Fehler bewußt: Auf meiner langen Mopped-Vorbereitungsliste - alles hab ich gemacht... Kupplung neu, Ventile, Syn­chronisation, Lager, Bremse... fuck - fehlt exakt ein Haken. Bremsflüssigkeit. Haste ja erst gemacht. Ja... beim anderen Mopped. Plötzlich ist die Erinnerung da. Mr. Vo­rausschauend hat das wichtigste schlicht unter­lassen. Mal wieder mit dem Arsch an der Wand geschlafen.

Bremsflüssigkeit ist hygroskopisch und nimmt Wasser auf. Wird die Flüssigkeit heiß, bilden sich Gasbläschen. Das Wasser verdampft. Man tritt plötzlich und unerwartet ins Leere. Einmal die Erfahrung reicht. Egal, ob hintere Bremse in einem 3.000m Schotterpaß oder vordere Bremse auf der Landstraße. Hei­de­witzka bleibt heidewitzka.

Viel später werde ich am Fuß der Paßstraße an­kommen, von einem Iraner Brems­flüssig­keit geschenkt bekommen und zusammen mit Thomas einen Flüssigkeitswechsel auf iranisch - könnte auch russisch sein - hin­legen.

Und danach macht es plötzlich auch wieder Spaß, in den folgenden schottrig, schlammigen Bau­stellen­passagen das Gas aufzureißen und rechts und links an Hindernissen vorbeizupfeiffen. Die Federwege auszunutzen. Den Motor arbeiten zu lassen. Tja, zwei Bremsen bleiben zwei Bremsen.

Galoppierende Inflation

Was macht Dein Dritt-Job?

Vier Wochen nach der Reise: xe.com zeigt einen Wechselkurs EUR:IRR von 1:16.000. Da hat die Welt wohl eine andere Realität als der Iran...

Nicht unwichtig zu wissen im Vorfeld ist der Fakt, daß der Iran scheinbar durch die Sanktionen der westlichen Staaten in vielerlei Hinsicht stark von der Außenwelt isoliert ist. Speziell in wirtschaftlicher Hinsicht scheint der Iran abgeschnitten.

Auf den ersten Blick äußert sich das im Lande erstmal nicht. Die Straßen der größeren Städte sind voll von flanierenden Menschen jedweder Couleur. PKWs und Kleinmotorräder ohne Ende. Die Städte brummen.

Kommt man aber mit den Menschen ins Gespräch, stellt man sehr schnell fest, daß es vielen alles andere als gut geht.

Ob zwei - drei Jobs pro Person, Rund-um-die-Uhr-Arbeiten oder die Sorge, man könne nicht heiraten, da man die Hochzeit - verbunden mit entsprechenden Kosten - als junger Erwachsener sich nicht mehr leisten könne. Die Menschen stehen vor finanziellen Eng­pässen.

Laut Angaben von tradingeconomics.com lag die Inflationsrate im Juni 2013 bei 45,1%. Durchschnitt 13,8% seit 1957. Maximum 59,02% im Mai 1995.
Interessant besonders für Reisende sind die Tauschkurse. Man spricht von bis zu drei unterschiedlichen Raten. Im Vergleich (Sept. 2013 - EUR:IRR):
  • 1:16.271 - international (xe.com)
  • 1:32.823 - Zentralbank Iran
  • 1:41.800 - Wechselstube vor Ort
Man sieht: Die internationalen Raten sind für die Katz. Am besten, man tauscht direkt im Iran in einer der vielen Wechselstuben.

Was für uns als Ausländer gut ist - wir werden es in 10 Tagen nicht schaffen 250 EUR auszugeben (trotz Hotels, Restaurant, fahren, ...) - ist für die Iraner selbst eine absolute Katastrophe. Die größten Geldscheine/Papier-Schecks - 500.000 Rial (50.000 Tuman) - werden gehegt & gepflegt. Dafür bekommt man 25x eine einfache Mahlzeit im Restaurant. Mehrere Hotelübernachtungen. Gute drei Monate bewachten Parkplatz.

Für uns sind es keine 12 EUR. Und der Wert wird weiter künstlich gedrückt.

Weiterführende Infos:
- Zentralbank Iran
- Inflation Iran bei tradingeconomics.com
- Währungsrechner bei xe.com

Kaspisches Meer

oder Ab durch die Mitte...

Über's Kaspische Meer und im speziellen die iranische Küste des selben haben wir genug Schlechtes gehört. Und - ich kann mich dem nur anschließen.

Nicht umsonst flüchten Unmengen Ein­hei­mischer in die Berge, an die grünen Ränder der Ausfallstraßen. Findet man Kilometer um Kilometer besetzt mit iranischen Familien im Picknick-Fieber. Verkaufsbuden von Pick­nick­artikeln, Fleischspießen, Wasser­pfeiffen­ver­leiher, ...

Die iranische Küste des Kaspischen Meeres rund um Tonekabon ist Overkill. Die Küsten­straße vierspurig. Die Fahrzeuge Stoßstange an Stoßstange. Die Küste maximal verbaut. Wir fahren 8km bis wir die erste Durchfahrt, den ersten Fußweg zwischen all den Grund­stücken finden. Wir wissen genau: Hinter diesen Häusern ist das Meer. Aber Du kommst da net dran! Du nisch!

Proforma kaufen wir am Straßenrand eine Melone. Für die Berge. Nix wie weg hier aus dem Lärm und dem Streß. Und dann finden wir unsere klitzekleine Einfahrt. Eine Gasse. Die erste seit 8 Kilometern. Juchhu - es geht ans Meer.
Aber der Eindruck bleibt. Die Brühe sieht ungesund aus. Müll. Umme Ecke ist scheinbar ein Privatstrand. Zwei Jungens und ein Hau­fen Mädels in Komplettkostümierung plant­schen in der Suppe.

Wir futtern unsere Melone und rücken ab. 20, 30 Kilometer Kaspisches Meer waren mehr als genug.

Weiterführende Infos:
- "Kaspisches Meer" bei de.wikipedia.org
- "Wem gehört das Kaspische Meer?" bei eura­sisches­magazin.de
- "Ekranoplan" bei de.wikipedia.org
- Ekranoplan im Satellitenbild

Wasserpfeiffe im Grünen

Kleine Straße, hohe Berge

Der Tehran-Shomal-Freeway liegt hinter uns. Vergessen tausende von eng an­ein­ander­ge­drängte PKWs.

Kurz nach dem Abbiegen ein kurzer Halt. Drei Leute sitzen am Straßen­rand beim Picknick. Winken uns zu, deuten mit Gesten an, wir mögen ihrem gemütlichen Sit-In am Stra­ßen­rande beiwohnen. Doch Kay und Maik sind schon weg. Also weiter...

Es geht über eine einsame Landstraße, ruhig - null Verkehr - gen Osten durch die wun­der­schöne Gebirgslandschaft des Alborz-Gebirges (dt. Elburs). Das Hochgebirge bildet eine na­tür­liche Trennung zwischen Kas­pischem Meer und ausgedehnten Urwäldern im Norden und der persischen Hochebene im Süden.

Hohe Gipfel thronen prominent über der zen­tralen Alborz-Kette. Am Alam-Kuh (4.848m) sind wir knapp vorbeigefahren bei der Über­que­rung des Salambar-Passes. Jetzt pas­sie­ren wir in wenigen Kilometern Ent­fernung den Azad Kuh (4.355m).

Wir fahren bis kurz vor die Dunkelheit. Noch ist Luft. Thomas hält Ausschau nach Zelt­plätzen. Wir merken uns für den Notfall zwei Plätze vor und rollen noch etwas weiter.

Am Ortsausgang eines kleinen Örtchens ist linkerhand Vergnügung angesagt. Es sieht aus wie eine Art Gartenkneipe. Rechterhand war eine Wiese und ein Bach. Da standen Wasserpfeiffen! Öh... BremseNNN! Fragmer doch mal, ob wir hier zelten dürfen. Drei Fliegen mit einer Klatsche. Zelten mit Wasser. Essen. Und Spaß am Lagerfeuer...
Und exakt genauso kommt's. Wir sitzen den gesamten Abend gemütlich mit einer stetig wachsenden Anzahl Iranern am Lagerfeuer, trinken Tee, rauchen Wasserpfeiffe, essen Spieße und unterhalten uns mit Händen und Füßen mit den Anwesenden bis wir - einer nach dem anderen - in den Zelten ver­schwinden. Morgen früh werden wir sogar noch auf Frühstück eingeladen.

Familienfoto vor Motorrädern
Familienfoto vor Motorrädern

Weiterführende Infos:
- Alborz-Gebirge (Elburs) bei de.wikipedia.org
- "Alam-Kuh" bei de.wikipedia.org
- "Azad Kuh" bei de.wikipedia.org
- Kleine Straße im Motoplaner
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Oh nein - verpaßt...

Nicht gesehene Strecken-Alternative

Rückblick: Wir befinden uns am Kaspischen Meer und wollen so schnell wie möglich in die Berge. Wir nehmen die erstbeste kleine Straße gen Süden und fahren von Abas Abad gen Kelardasht. Nett durch den Wald. Kurvig. Nicht zuviel Verkehr. Aber Unmengen an Picknickern & Ausflüglern. Dann weiter von Kelardasht nach Marzanabad. Und dort passiert's...

Wir treffen auf den Tehran-Shomal-Freeway (59) und fahren die Strecke von Marzanabad bis Duna-ye-sofla. Landschaftlich toll. Strecke auch nett. Aber Verkehr! Verkehr... Verkehr bis zum Umfallen. Stau auf zig Kilometern Strecke. Sich langsam dahinschleppende Fahr­zeuge. Gewürzt mit geisteskranken Renn­fahrern, Polizeikontrollen, Verkehrs­über­wachung. Bah!

Wir werden dann über eine kleine Straße gen Osten abdrehen, um morgen auf die Haraz-Rd (77) zu stoßen. Und da bekommt die Verkehrsflut ihre Krone auf. Highlight ein ewig ansteigender Tunnel. Man sieht den Licht­punkt am oberen Ende immer größer werden. Die Turbinen dröhnen wahnsinnig laut. Der Tunnel ist so immens voll mit Fahrzeugen. Je höher wir kommen, desto schwerer fällt das Atmen. Die letzten paar hundert Meter halten wir alle die Luft an. Lechzen nach Frischluft bei Verlassen des Tunnels. Dort ein Unfall und nicht unwahrscheinlich geht man krachen...

Jetzt im Nachhinein sitze ich vor'm Rechner und werte die Tour aus. Und was sehe ich da? Eine scheinbar wundervolle Route abseits des Troubels von Manuchehrkela nach Baladeh.
In wilden Serpentinen bahnt sie sich einen Weg über die Berge. Fährt eine Zeitlang ent­lang des Grades. Überquert einen Paß. Ganz oben dürfte man umgeben sein vom Meer im Norden und allen hohen Spitzen im Süd­westen bis Südosten.

Ob fahrbar? Weiß ich nicht. Aber vermutlich. Für einen Rundflug in 3D Motoplaner-Link öffnen und im Motoplaner einfach mal rechts oben in der Kartenauswahl auf den Punkt "earth" gehen (nur mit Google Chrome oder Firefox mit installiertem Google Earth Plugin). Hammer!

Paß in Google-Earth-3D-Ansicht im Motoplaner
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Weiterführende Infos:
- Strecke im Motoplaner (rot - ruhige Straße durch schönes Tal, blau - der verpaßte Paß)

Vorurteile

Dummgehalten versus Realität

Wie lächerlich nehmen sich all die Vorurteile aus, die mir gegenüber vor als auch während der Reise außerhalb des Irans bzgl. des Irans entgegengebracht wurden, wenn man sie der Realität gegenüberstellt!

Gefährlich, dumpfer Mulla-Staat, rückständig, kriegstreiberisch, atomwaffengeil, fährste da mit ner Kalaschnikow hin? Egal ob in Deutschland, Bulgarien oder letztendlich der Türkei (dort überraschend eindringlich). Ich habe kaum positive Aussagen von Menschen außerhalb des Irans über den Iran gehört. Aber Unmengen negative. Unaufgeklärte Vor­ur­teile. Durch nichts untermauert als nicht hin­ter­fragte Hetzerei und Schwarzmalerei der Massenmedien.

Über kein Land habe ich soviel schlechte Aus­sagen gehört wie über den Iran.

Und bei keinem Land könnte die Realität stärker von den unsinnigen Vorurteilen ab­weichen als bei eben diesem Lande.

Die Realität auf den ersten persönlichen Blick sieht wie folgt aus: Man trifft auf eine un­faß­bare Menge an Menschen, die so bei­nahe schon erdrückend freundlich sind, so fast schon belastend aktiv hilfsbereit, herz­lich, einladend, beschenkend. Wahnsinn! Un­faß­bar.

Und eben jene Menschen sind nicht dumm! Sie sind hochgebildet! Der Iran - das ehemalige Persien - war eine der ersten Hoch­kulturen dieser Welt. Viele uns nicht mehr bewußte Errungenschaften stammen aus eben jener Zeit. Allein die Werke von Avi­cenna - Ibn Sina. Tuberkulose - entdeckt in Persien. Krebs möglichst früh bekämpfen - entdeckt in Persien. Die Dualität von Gut und Böse - erstmalig erwähnt in Persien. Die Liste ließe sich ewig fortsetzen.

Die Iraner haben meines Wissens nach - anders als viele andere moderne Länder - in den letzten 100 Jahren keine aktiven Kriege gegen andere Länder begonnen.
Welches westliche Land kann sich mit einem solchen Prädikat schmücken?

Atomtreiberei? Vielleicht. Was hintergründig stattfindet - keine Ahnung. Die Realität sieht wie folgt aus: Man fährt als Ausländer ahnungslos eine Landstraße entlang und am Horizont tauchen Kühltürme auf. Und - ei kuck - die Kraftwerke stehen just ein paar Meter neben der Straße. Keine sichtbare Bewachung. Keinerlei andere Präsenz. Sie stehen einfach da.

Und eine Frage seie mir bitte erlaubt: Wie können Vertreter von Ländern, die a) selbst Kernkraft nutzen, b) Atomwaffen besitzen und c) im Lauf der letzten 100 Jahre mind. einen Krieg aktiv begonnen haben, einem anderen Land eben jene selbst genutzten Pri­vi­legien unter­sagen wollen, das Recht darauf ab­sprechen wollen, mit Waffengewalt drohen?

Eben jene Länder, die Kriege begonnen haben - egal zu welchem Zweck - wollen einem Land, welches sich keiner Kriege in den letzten hundert Jahren schuldig gemacht hat vorwerfen, es wäre gefährlich???

Ein älterer Mann im Iran faßt es mir gegenüber - ungefragt - sehr passend zusammen: "Alle Menschen auf der Welt sind gleich. Nur die Mächtigen/die Regierungen unterscheiden sich."

Liebe Nicht-Iraner, bitte informiert Euch, bevor Ihr Euch eine evtl. - wahrscheinlich - nicht zutreffende Meinung aufschwatzen laßt. Hinterfragt. Sucht die Realität. Fahrt doch einfach mal hin. Trefft die Menschen.

Liebe Iraner, Ihr wißt ganz genau, warum unheimlich viele von Euch sich bei uns bedankten, daß wir Euer Land bereisen trotz all der westlichen Vorurteile. Ihr habt Euch mir als das herzlichste Volk dargestellt, welches ich beim ersten Blick bis dato kennenlernen durfte. Cheili, cheili motshaker.

Tehran-Rodeo

Damavand im Nebelkleid

Der Damavand (5.610m) hüllt sich in Schweigen. Eine dicke Wolkenkrone umhüllt die Spitze eines der höchsten freistehenden Berge der Welt. Mit um die 4.700m sichtbarer Höhendifferenz von Fuß zu Spitze übertrifft der höchste Berg Irans und des gesamten Nahen Ostens selbst den Mount Everest.

Gedichte und Legenden ranken sich um den höchsten aller Berge des Iran. Auch die Schanameh - Das Buch der Könige - mit um die 990 Kapiteln in ca. 60.000 Versen aus der Hand des im Iran verehrten Dichters Ferdosi bezieht den ruhenden Vulkan in ihre Er­zählungen ein.

Wir verlassen die kleinen Sträßchen nördlich der Haraz-Road (77) ohne den Damavand in voller Pracht gesehen zu haben und kehren wieder auf die Hauptstrecke zurück. Auf dem Weg gen Teheran - wir werden durch die Innenstadt kutschen und von einem 250er Fahrer über den eigentlich für Motorräder untersagten Freeway gen Westen geführt werden - haben wir Spaß in Roudehen. Ich nenne es mal "Tehran Rodeo".

Mehrspurig führt die Straße durch die Stadt. Leicht bergab senkt sie sich gen tiefer­liegende Ebene. Wir dazwischen. Vier Motorräder tanzen. Nicht in Reihe. Nein - jeder sucht seinen Weg. Kooperierend.

Ein LKW wird zeitgleich rechts und links umfahren. PKWs umkurven die flinken Zweiräder wie im Ballett. Links, rechts, vorne, hinten. Einspuren - man achtet auf Verkehr und die anderen. Läßt Platz, damit zwei Moppeds nebeneinanderziehen können, wenn's eng wird.
Ein Tänzchen. Tehran Rodeo. Für einen Betrachter aus günstiger Perspektive wäre es sicher ein interessantes kleines Schau­spiel­chen geworden.

Nur eines lassen wir aus: Niemand rutscht auf der Seite gezielt unter einem LKW hindurch, um danach ganz normal weiterzudüsen...

Blick auf Damavand in Motoplaner earth-Ansicht
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Weiterführende Infos:
- "Damavand" bei de.wikipedia.org
- "Schaname" bei de.wikipedia.org
- "Ferdosi" bei de.wikipedia.org
- Damavand-Kucken - Strecke im Motoplaner (aus Tal kurz östlich Serpentinen hoch, Kucken, wieder runter)
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Iran

Das Land der Dichter und Denker

Poesie als auch Kunst nahmen/nehmen im alten Persien als auch im heutigen Iran eine herausragende Position ein. Namen wie Ferdosi, Rumi, Hafez und Unmengen anderer Poeten, Schriftsteller, Filmemacher genießen unter Kennern in aller Welt einen heraus­ra­gen­den Ruf. Poesie stellt für viele Iraner einen wichtigen Bestandteil des alltäglichen Lebens dar.

Weiterführende Infos:
- Shiraz - Hauptstadt der Poesie
- Persische Literatur: 1,2
- Dichter & Poeten: Hafez, Rumi, Ferdosi
- Avicenna (Ibn Sina)
Goethe - durch Hafez inspiriert - in seinem west-östlichen Diwan:

"Und mag die ganze Welt versinken,
Hafis, mit dir, mit dir allein
Will ich wetteifern! Lust und Pein
Sei uns, den Zwillingen, gemein!
Wie du zu lieben und zu trinken,
Das soll mein Stolz, mein Leben sein.
"

Zanjan - Stadt der Messer

Ausreißer einfangen

Qazvin liegt hinter uns. Tabriz heißt unser heutiges Ziel. Und wir stecken gerade mitten in der Zanjaner Rush-Hour. Fahr­zeuge über­all. Navi zeigt plötzlich rechts. Kopf sagt geradeaus. Keine Zeit zum Denken. Kay links neben mir anhupen. Er dreht den Kopf - ok. Lenker rechts. In den Strom der Fahrzeuge.

Nach 50 Metern rechts ran. Lichter zählen. 1, 2 ... 3 - ok, alle abgebogen. Weiter geht's. Die Straße brechend voll.

Von hinten links taucht plötzlich und un­er­wartet ein Mopped mit zwei Iranern auf. Zieht eiskalt 30cm vor meinem Vorderrad nach rechts durch in die freie Parklücke von zwei PKW-Längen. Kopf erwartet: Die halten an. Aber die tun einen Teufel! Viel zu knapp ziehen sie plötzlich wieder aus der Parklücke raus. Und da bin ich...

In die Eisen und links Abwinkeln kommen si­mul­tan. 5cm dran vorbei? Das war haar­scharf.

Nun stelle ich fest, daß mein Navi Unfug an­zeigt. Geradeaus wäre wie erwartet sinnvoller gewesen. Also Blinker links, in die Gasse hinter der Moschee und Lichter zählen. Maik is da. Thomas biegt ab. Bleibt aber an der Kreuzung, um scheinbar auf Kay zu warten. Wartet. Wartet. Jetzt dreht er um und schießt die Straße weiter?!?

Maik und ich warten. Lange.

Als wir gerade umdrehen, um zur letzten großen Kreuzung zurückzufahren - einer links und einer rechts um die Moschee - taucht Thomas auf. Kay ist geradeaus durch­gefeuert. Er hinterher. Irgendwann war Kay weg. Einbahnstraßen. Gassengewirr. Kein Handy. Kein Kontakt. Zanjan - die Stadt ist im Iran berühmt für ihre Messer - hat eine halbe Million Einwohner. Upsi.

Für uns klar: Verliert man sich in der Gruppe, dann zurück zum letzten bekannten Ort, wo man zusammen war - und wieder hinfinden kann. Lange werden wir warten. Niemand kommt. Nur Unmengen Iraner. Woher, wohin; toll, daß Ihr unser Land besucht; ich möchte Euch zum Essen einladen; seid mein Gast, ...
Schlußendlich stelle ich Thomas und Maik am östlichen Ortseingang von Zanjan ab - da, wo wir herkamen. Fahre noch 5km Richtung Osten. Drehe über den erhöhten Mittelstreifen der Autobahn-ähnlichen Straße und feuere Richtung Westen. Entlang der primären Ost-West-Achse. Das Navi bewußt ignorierend. Bis zu einem der drei Ortsausgänge Richtung Tabriz. Dem primären - nicht jener, welchen wir abgemacht hatten nehmen zu wollen.

Messer aus Zanjan - Billig-Variante + Handarbeit
Messer aus Zanjan

Und da isser! 300m vor mir verläßt er gerade Zanjan Richtung Tabriz?!? Gas auf. Einholen. Einfangen. Und dann auf ein Beruhigungs-Eis zurück zu den anderen. Ohne Navi. Und ohne Karte.

Merke: Fährt man in einer Gruppe und verliert sich, dann Back-Tracking: Zurück zum letzten gemeinsam bekannten Punkt. Ein Punkt, der für alle erreichbar sein muß. Warum? Weil man nie wissen kann, welche der unendlichen Möglichkeiten die vorauseilende Partei wählt...

Weiterführende Infos:
- "Zanjan" bei de.wikipedia.org
- "Zanjan" bei en.wikipedia.org (mehr Fakten)

Tabriz

Hotel, Imbiß, badabumm...

Wir sind alle wieder beisammen und pressen weiter gen Tabriz. Vorwärts über die Landstraße 32. Der Bogen der Straße nördlich über Miyaneh bietet grandiose Landschaften. Schattige Strohhütten mit saftigen Melonen im Straßenverkauf, gekühlt in sprudelnden Brunnen am Straßenrand stellen Oasen dar in der heißen Nachmittagsluft.

Abend - das einzige Hotel im Ort bietet eine mehr als nur fragwürdige Qualität - zum gerechtfertigt unschlagbar günstigen Preis. Hier würden wir nicht essen wollen - ge­schweige denn schlafen.

Tabriz 80 Kilometer. Es ist fast dunkel. Aber dort gibt's Hotels ohne Ende. Groß genug ist die Stadt. Also los.

Stundenlang werden wir durch Tabriz kut­schen. Alle Hotels und Herbergen sind voll. Nach gefühlt einigen eigenen Runden durch die Großstadt bei Nacht werden wir noch zwei Moppedfahrern folgen - komplett durch die Stadt. Kleinste Pfade. Quer durch. Um letztendlich wieder vor einer überfüllten Her­berge zu stehen. Es findet irgendein Kongreß, Messe oder Ähnliches in Tabriz statt am mor­gigen Tag. Alles voll.

Laßt uns irgendwo, irgendwas zu essen suchen. Und dann notfalls wieder raus und irgendwo Richtung Norden gen armenische Grenze in die Pampa hauen. Gesagt, getan.

Freundliche Azeris (Jungens aus Azer­bai­dschan + ein Kollege aus Dagestan) werden uns - fix und alle - nicht nur mit Speis und Trank versorgen. Sie werden auch eine lange Liste von Hotels abtelefonieren und im besten Haus am Platze das einzig freie Zimmer - es stellt sich später als die Königs-Suite heraus - für uns klarmachen. Wir freuen uns über die unerwartete Wendung - soweit das die Müdigkeit noch zuläßt. Freundlicher Abschied und los geht durch die dunkle Nacht grob in diffus unbekannter Richtung.
Plötzlich brüllt mich jemand von links an: "Where are you from?!?" Ich ohne kucken geradeaus in den Helm: "German!" Und dann geht alles ganz schnell. Sekundenbruchteile:

Kopf links. Die Augenwinkel nehmen kaum einen unbeleuchteten schweren Kipplaster quer über die Fahrbahn parkend wahr (meine Spur ist frei - die links neben mir nicht).

Direkt darauf - auch aus dem Augenwinkel - ein unbeleuchteter PKW. Die Jungens brüllen rechts aus dem Seitenfenster.

Der Laster?!? Äh... RUMMS!

Ich seh es nicht. Ich hör es nur. Aus dem Augenwinkel heraus könnt es sein, daß da plötzlich keine Motorhaube mehr war. Ich bin schon 50 Meter weiter.

Blitzschnell - Teufel links, Engel rechts. Flü­gel­mann in Position: Anhalten. Helfen. Der Gehörnte: Du bist todmüde, fix und fertig. Die Deppen sind da reingeknallt, weilse Dich angeglotzt haben. Kein Licht an. Polizei. Laberrabarber. Halbe Nacht lang. Ärger ohne Ende. Nix Schlaf. Morgen keine Grenze. Wer weiß, was noch. GAS!

Flügelmann hackt zurück mit schlechtem Gewissen. Aber die Logik gewinnt. Vermutlich ausnahmsweise besser so.

Weiterführende Infos:
- "Tabriz" bei de.wikipedia.org
- landschaftl. grandioser Streckenabschnitt im Motoplaner
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Auf gen armenische Grenze

Naturschauspiel in Slow-Motion

Es ist beschlossen: Heuer verlassen wir den Iran gen Armenien. Hinter Tabriz geht's los: Ab durch die Pampa. Schotter. Staub. Paß­straße. Und nicht nochmal getankt...

Wir werden es schaffen. Aber die Strecke zieht sich. Die Grenze - auf der Karte ein Katzen­sprung - ist weit, weit entfernt.

Gewürzt wird der Tag durch regelmäßige Stops. Mich hat seit Tagen Kollege Durchfall erwischt. Heuer ganz besonders.

Die aus Deutschland mitgebrachten Durch­falltabletten sind putzige kleine Kullern. Rund, bunti und wirkungslos. Erst georgische Pharmaka wird dem ständigen Spuk ein Ende setzen. Übermorgen...

Die Strecke gen iranisch-armenische Grenze ist sehr schön zu fahren. Das absolute Highlight jedoch werden die wild zerklüfteten Bergspitzen, die das Tal des Grenzflusses Aras zwischen Nordooz (Iran) und Agarak (Armenien) umranden. Speziell im letzten Licht des Tages - wenn sich die spitzen Zacken als harter Kontrast gegen das letzte Licht am Himmel abheben. Uijuijui. Und keine Fotos... wir stecken im Grenzbereich.

Auf iranischer Seite läuft alles entspannt. Es dauert halt. Für Kopien unserer Ausweise + Carnet will ein Beamter von jedem (5x) 10$.
Meine Frage, ob ich auch mit den ver­bliebenen Rial bezahlen kann - ich halte einen 500.000 Rial-Schein (~10 EUR) in der Hand - löst das Problem plötzlich auch. Aha. Da isse wieder die urplötzliche Hyper-Inflation...

Die armenische Grenze läuft super entspannt und wesentlich schneller als die iranische Seite. Visa braucht es nicht mehr. Fahr­zeug­anmeldung wird durch einen hohen Offizier lächelnd durchgewunken. Gute Reise. Haut ab...

Nach 200, 300 Metern ein Tor. Jemand - Hans Wurst? - in Uniform-ähnlicher Kleidung hält uns an und will Versicherung verkaufen. Sein Bruder. Blabla.

Kurze Blicke. Ab durch die Mitte. Gib Gas... und wir sind drin in Armenien. Goodbye, liebe Iraner.

Morgen werden wir feststellen, daß die Grenze von iranischer Seite scheinbar nur aus dem Fluß zu bestehen scheint. Auf armenischer Seite jedoch sind durchgehende Stachel­drahtzäune, Wachtürme etc. an der Tages­ordnung.

Weiterführende Infos:
- Aras
- Schotterpaß im Motoplaner
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Khoda hafez

Auf wiedersehen bzw. "möge Gott Dich schützen"

Chodafez (khoda hafez), liebe Iraner. Habt Dank für Eure unglaubliche Freundlichkeit & Herzlichkeit. Ich wünsche Euch alles erdenklich Gute.

Von so vielen werdet Ihr unterschätzt. Vollkommen fehleingeschätzt. Ich kann Euch nur das aller­beste wünschen. Einem so freundlichen, friedlichen, herzlichem Volk.
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